Nobelpreisträgertagung Lindau

Widerstandsgeist auf der Ferieninsel

Von Joachim Müller-Jung
01.07.2019
, 14:01
Begeistert vom rebellischen Geist der heutigen Schülergeneration: Bettina Gräfin Bernadotte bei der Eröffnung der 69. Lindauer Nobelpreisträgertagung
39 Nobelpreisträger treffen 580 junge Talente aus aller Welt. Ihr Thema, eine Woche lang: Physik. Was sie aber zuerst beschäftigt, sind die politischen Krisen, die die Wissenschaft besonders treffen. Tradition trifft Greta Thunberg.
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Es weht der Greta-Thunberg-Geist über die Bodensee-Insel Lindau: aufstehen, weiterdenken, sich wehren, Courage zeigen. Am vergangenen Wochenende, zur Eröffnung der 69. Lindauer Nobelpreisträgertagung, war zu spüren, wie dieser jugendliche, frische, fast revolutionäre Geist trotz Außentemperaturen von an die 40 Grad – oder gerade wegen diesen - alle bewegt. Auch die 39 alle nicht mehr ganz jungen Nobelpreisträger, die auf die Ferieninsel gekommen sind, und erst recht die 580 Nachwuchstalente, die aus 89 Ländern der Welt (Rekord!) angereist waren.

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„Was für eine außergewöhnliche Bewegung“, rief die traditionsbewusste Gastgeberin, Bettina Gräfin Bernadotte, und sie meinte damit die schulstreikenden Klimademonstranten weltweit, „ein mächtiges Beispiel dafür, wie groß der Einfluss junger Menschen sein kann.“

„Denkt groß, werdet Anwälte“

Trotzdem: Physik, nicht Politik, ist das Leitthema der diesjährigen Nobelpreisträgertagung, turnusgemäß wie alle drei Jahre. Unverändert auch das Ziel dieses ungewöhnlichen einwöchigen Laureaten-Nachwuchstreffens: Reden, fragen, diskutieren. Und doch war diesmal, sobald einer der Gäste das Wort ergriff, das schiere Bedürfnis erkennbar, politisch mehr mitgestalten zu wollen, auch als Gelehrter - sich nicht unwidersprochen dem Ungeist des Populismus und Nationalismus ausliefern zu wollen. Bundesministerin Anja Karliczek, die viel über den Innovationsgeist redete, der wach bleiben müsse und nicht zuletzt beim Thema Klimaschutz helfen sollte, bekam aus erster Hand zu hören, dass die global prächtig vernetzten Wissenschaftler keinen Moment gewillt sind, Politiker mit antiwissenschaftlichen Strömungen gewähren zu lassen. „Denkt groß“, forderte Brian Schmidt, der Astrophysiker in einer aufrüttelnden Rede, „werdet Anwalt, verteidigt die Wissenschaft.“ Sein Land Australien könne Energie mit Hilfe der Erneuerbaren inzwischen zu einem Drittel der Kosten von Kohlekraftwerken erzeugen, und doch werde von den Mächtigen weiter gefragt, wie es weitergehen könne mit der Kohlekraft.

Aufbruchstimmung vor dem Jubiläum

Es herrscht also Aufbruchstimmung in Lindau. Die von Medizin-Laureatin Elizabeth Blackburn entworfene „Lindau-Deklaration“ soll mit den Kommentierungen der diesjährigen Teilnehmer abgeschlossen und nächstes Jahr zur Jubiläumstagung (70. Lindau-Treffen) öffentlich werden. Und auch darin wird es um eine neue Zukunft geben, um Öffnung und Fortschritt: Open Science wird ein großes Thema sein. Auf der Physiktagung diesmal werden in der Inselhalle außerdem Vortäge, „Laureate Lunches“ und „Science Walks“ zu großen aktuellen Theman wie Gravitationswellen, Dunkle Materie und Laserphysik behandelt.

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F.A.Z.-Beilage „Zukunftslabor Lindau“

Unsere Beilage „Zukunftslabor Lindau“ zum diesjährigen Physikertreffen wird am kommenden Samstag, 6. Juli, erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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