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Wissenschaftsbilanz 2018

Was tun mit dem Ballast?

Von Joachim Müller-Jung
 - 14:53

Mehr als einmal ist 2018 für jeden sichtbar geworden, dass der Kokon nicht mehr der richtige Ort ist für die gelehrte Welt. Gewaltige Fliehkräfte sind am Werk. Und viele außerhalb des Forschungsbetriebs warten nur darauf, dass der selbstgeschaffene Kosmos im Kokon irgendwann auseinanderfliegt oder kollabiert.

Zweieinhalb Millionen wissenschaftliche Publikationen jedes Jahr, Wachstumsraten von mehr als fünf Prozent – „was glauben Sie, wie viele davon es wirklich wert sind, gelesen zu werden?“, fragte David Labaree spöttisch, einer der amerikanischen Bildungsgurus von der Stanford-Universität, und die ehrwürdige „Nature“ zitierte ihn, als wäre die Zeit zum Großreinemachen endlich gekommen.

Im gleichen Journal legte eine andere Stanford-Größe, der Meta-Forscher John Ioannidis, die Spitze des Eisbergs frei: Tausende Wissenschaftler verlängern ihren Lebenslauf inzwischen jährlich um 72 eigene Artikel – alle fünf Tage eine Veröffentlichung. Die Beschleunigung ist entlarvend, auf jeden Fall erdrückend, für alle, auch für uns. Masse mal Beschleunigung.

Beschleunigung und Masse

Natürlich ist nicht alles Müll. Die Entdeckungen und großen Befunde, der wunderbare Wissenszuwachs, der mit Abertausenden Veröffentlichungen möglich wird, er macht uns die Auswahl der lohnenden Wissenschaftsthemen jedes Jahr ein Stückchen schwerer. In dem künstlerischen Jahresrückblicksbild unserer Redakteurin Sibylle Anderl, das diesen Text schmückt, kommt deshalb auch ein Stück weit unsere Begeisterung zum Ausdruck: Forschung wird ohne Frage bunter, komplexer, sicher auch unüberschaubarer, vor allem aber reicher. Das Wimmelbild zeigt vieles, womit wir uns in diesem Jahr beschäftigt haben. Oft sind es die scheinbar kleinen wissenschaftlichen Fortschritte, die unsere größte Aufmerksamkeit verdienen, weil nicht nur die Befunde, sondern auch die Folgerungen daraus interessant sind.

„Räuberjournale“ und die Gier

Unstrittig ist: Wer Orientierung sucht, hat es immer schwerer. Das unheimliche Wachstum der „Räuberjournale“, die extrem aggressiv für die schnelle (und oberflächlich begutachtete) Veröffentlichung werben, hat das Vertrauen vieler ins System erschüttert. Gier, Geltung und Ruhmsucht waren plötzlich ein großes Thema. Gleichzeitig wurde das System von politischen Akteuren immer offener attackiert. Der antiwissenschaftliche Impuls der Populisten trat unverhohlen zutage, am deutlichsten in der Klima- und Umweltforschung.

Kommunizieren ja, aber ...

Es sind nicht nur die inneren Fliehkräfte, die den gelehrten Kosmos erschüttern, es sind auch die Sticheleien von außen, die am alten Kokon nagen. Wie also antworten? Kommunikation ist hier der Begriff, der inzwischen am häufigsten fällt. Am vernehmlichsten von der im März eingesetzten Bundesforschungsministerin, Anja Karliczek, die auch von Grundlagenforschern Legitimation einfordert, „indem diese sich der Allgemeinheit erklären“. Der Auftrag lautet: Vertrauen schaffen in einer immer komplizierteren Welt. Kommunikation, daran sei an der Stelle erinnert, ist das Hobby aller Forschungsminister. Ebenso Legende ist die Forderung, fleißig kommunizierende Forscher nicht länger abzukanzeln, wie das die Community gewöhnlich handhabt, weil sie Ablenkung und Kontextualisierung jenseits der Spezialistentätigkeit nicht duldet, sondern Kommunikation endlich auch zu belohnen. Daraus wird wohl wieder nichts, hier scheint der Kokon der Koryphäen am allerstabilsten. Ein Zyniker, wer das als Erfolg der Selbstreinigungskräfte des Systems verbucht.

Wo Selbstreinigung dringlich war

Berechtigte Anlässe zur Selbstreinigung gab es in diesem Jahr durchaus. Die Nestbeschmutzung durch den chinesischen Genchirurgen He Jiankui etwa, der die ersten genveränderten Menschen geschaffen haben will und sich mit seinem missratenen Youtube-Clip vor dem Hongkonger Gengipfel über alle ungeschriebenen Berufs-, Ethik- und Kommunikationsregeln (und wohl auch chinesischen Gesetze) hinweggesetzt hat. Nie hat sich ein Forscher weltweit so schnell unmöglich gemacht, nie ist einer aber auch so schnell in die Geschichtsbücher eingegangen. Sein Name ist der einzige, der in den meistbeachteten wissenschaftlichen Jahresrückblicken, nämlich in denen von „Science“ und „Nature“, auftaucht. In dem Fall ist es ein wissenschaftliches Todesurteil.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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