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Zukunftslabor Lindau 2019

Ein Flüstern am Meer

Von Dietmar Dath
 - 23:48
Numerische Simulation der Gravitationswellen, die bei der Verschmelzung zweier Neutronensterne abgestrahlt werden

Jede Menschenseele, die beim Heraufziehen der Nacht je die Venus hat blitzen sehen und dabei sehnsüchtig dachte: „Ich will da hin“ (oder, noch sehnsüchtiger: „Ich will hier raus“), hat damit den Kopf in eine Welt gesteckt, die merkwürdiger ist, als wir meist denken. Die überall wirksame Schwerkraft zum Beispiel wirkt nicht so, wie Newton glaubte, nämlich allseits ohne Verzögerung, sondern braucht dabei Zeit und verbreitet Neues, wenn sich ihre Quelle verändert, in Form von Wellen der Raumzeit, wie Albert Einstein 1916 bekanntgab. Seit 2016 wissen wir, dass diese Wellen nicht nur als Kopfkonstrukte, sondern messbare Ereignisse sind. Das hat die Auswertung von Beobachtungen ergeben, die am 14. September 2015 gemacht wurden.

Wir Menschen erschließen uns das, was die Welt nicht so sehr „im Innersten“ zusammenhält, wie‘s noch Doktor Faust wissen wollte (da drinnen, im Mikrokosmos, walten noch seltsamere Kräfte als die Gravitation – starke, schwache und elektromagnetische), als vielmehr das, was sie „im Äußersten“ biegt und kräuselt. Daten zu sammeln, die da Klärung bringen, ist manchmal so schwierig wie „das Flüstern am andern Ufer eines Meeres zu hören“ – diesen zarten Vergleich stellt der Schriftsteller Alastair Reynolds in seinem eigenwilligsten Buch an, „Century Rain“, erschienen 2004, zwölf Jahre vor dem Nachweis der Gravitationswellen, die darin eine wichtige Rolle spielen.

Wie kriegt man im All ohne Hinschauen raus, wo man ist?

Der Roman macht uns mit Menschen einer Erde bekannt, auf der die Geschichte etwas anders verlaufen ist als auf unserer (Hitler ist schon auf dem Frankreichfeldzug gescheitert, nicht erst in Russland); es gibt im Buch ein von unbekannten Intelligenzen gebautes interstellares Raumzeit-Tunnelsystem, an dessen interessantestem Ausgang eine Alternativerde zu finden ist. Sie scheint gleichsam eingenäht in einen blickdichten Schirm, eine künstliche Umgebung, die nicht verrät, wo der Planet seine Kreise zieht. Eine der Heldinnen erklärt eine Maschine, die bei der Orientierung helfen soll. Denn die fremden Baumeister mögen zwar in der Lage sein, Sonne und Mond zu fälschen, aber draußen im All gibt es Sachverhalte, die „Schwerewellen aussenden wie ein Musikinstrument einen Ton“. Die „sickern“ selbst durch einen Schirm, der alles Elektromagnetische (also Licht) abprallen lässt. Mit einer Gravitationswellenantenne kann man daher Resonanzen bekannter Großereignisse im All auffangen, „charakteristisch wie Fingerabdrücke“ (Reynolds), und mit denen lässt sich die eigene Lage dann triangulieren. Die Poetisierung einer hochabstrakten wissenschaftlichen Lehre geschieht in „Century Rain“ somit als Übersetzung von Theorie in Handlung.

Das ist nicht nur ästhetisch triftig, sondern erkenntnistheoretisch korrekt. Denn das Zeitalter der modernen Naturwissenschaften hat unsere Gattung gelehrt, dass die streng undurchlässige Grenze zwischen Theorie (wörtlich „Betrachtung“) und Praxis (verstanden als „bewusstes Tun“), von der vorwissenschaftliche Menschheitsepochen ausgingen, in Wirklichkeit ziemlich permeabel ist. Wenn wir zu wissenschaftlichem Zweck schauen und horchen, ist das nichts Passives. Wir interagieren physisch (Photonen treffen die Netzhaut, Schallwellen das Geknitter im Ohr) nur dann erkenntnisstiftend mit der Welt, wenn wir uns selbst als optische Messgeräte oder Richtmikrophone theoriegeleitet nach dem Gesuchten ausrichten.

Alastair Reynolds war nicht der Erste, der diesen Befund im Zusammenhang mit Gravitationswellen narrativ veranschaulicht hat. Schon 1997 erzählte der Australier Greg Egan in „Diaspora“, einem Roman, der davon handelt, dass und wie die Menschheit sich von ihren physischen und sozialen Entstehungsbedingungen emanzipiert, von Observatorien, die in ferner Zukunft etwa ein Doppelsystem aus zwei Neutronensternen namens Lacerta G-1 beobachten. Das Szenario gibt Egan Anlass zu Schilderungen der „epistemischen Landschaft“ unserer Kosmologie, zu der zum Beispiel gehört, dass man Lacerta G-1 nicht direkt (optisch) beobachten kann, weil das Doppelding dafür zu klein und zu weit weg ist, aber auch nicht über Röntgenstrahlmessungen, weil die lokalen Reservoire von Staub und Gas, die zur Umwandlung in solche Strahlung verheizt werden müssen, längst verbrannt sind. Auch Radiosignale sind zu schwach, aber Gravitationswellen erlauben es, den allmählichen Schwund des Drehmoments zu studieren, das die beiden Neutronensterne daran hindert, einfach zusammenzustürzen.

Rund zehn Jahre vor Egan phantasierte Stanisław Lem in „Fiasko“ (1986) von einer Vorrichtung namens „Gracer“, die einen Kollapsar beschießen und so deformieren kann, dass er zwischen den Formen einer langen Scheibe und einer flachen Spindel schwingt, was enorme Gravitationseffekte erzeugt, die sich ein Raumschiff zunutze machen kann, in dem Menschen sitzen, die den Vorgang zwar technisch ausbeuten, ihn aber nur schwer fassen können. Denn ihre Vernunft ist, so Lem, „in der verschwindend geringen Gravitation der Erde entstanden“, weshalb sie von „Phänomenen um das Billionenfache größerer Kräfte“ überfordert sind; es sei denn, sie stützen sich auf die Physik, „eine Sammlung von Antworten auf Fragen, die wir der Welt stellen und die die Welt unter der Bedingung beantwortet, daß wir ihr keine anderen Fragen stellen – die nämlich, die der gesunde Menschenverstand herausschreit“.

Forschung verlangt eine besondere Art Heldenmut

Ein gutes Vierteljahrhundert älter als Lems Gedankenexperiment ist ein Versuch der Brüder Arkadi und Boris Strugatzki, die gesellschaftlichen Voraussetzungen fürs Sortieren der beiden von Lem benannten Fragesorten darzustellen. Im Roman „Praktikanten“ (1962) hat eine Raumstation den Platz und die Bahn des ehemaligen Asteroiden Eunomia eingenommen, „die einzige physikalische Station der Welt zur Erforschung der Graviation“, auf der „Kosmogoniker und Relativisten“ arbeiten, „fest wie Diamanten, klug, kühn, ich würde sogar sagen, tollkühn“, wie sie die griffige Übersetzung von Erik Simon feiert. „Der riesige Felsbrocken von zweihundert Kilometern Durchmesser war in den letzten paar Jahren im Laufe der Experimente fast völlig vernichtet worden. Von dem Asteroiden war nur ein loser Schwarm relativ kleiner Bruchstücke geblieben und eine Wolke kosmischen Staubes von siebenhundert Kilometern, schon ein wenig in die Länge gezogen von der Gezeitenkraft.“

Die enormen Energien, die da im Spiel sind, haben spektakuläre Folgen: „Wenn die erdnahen Observatorien jetzt einen aufflammenden neuen Stern mit seltsamen Spektrallinien entdeckten, erhob sich zuerst einmal die Frage, wo sich in diesem Moment die ,Eunomia‘ befand.“

Wer auf solchem Posten theoretische Praxis und praktische Theorie treibt, muss die Bereitschaft zur Entsagung mitbringen, was den Wunsch nach rascher Befriedigung der Neugier betrifft. Gesucht werden Leute wie jene Wissenschaftler, die damals, als der Roman „Praktikanten“ erschien und unter Science-Fiction-Interessierten Furore machte, in der Wirklichkeit mit Aluminiumbatzen versuchten, Gravitationswellen einzufangen. Die Geräte, die man dazu verwendete, waren sensibel genug, die Schwingungen von außerhalb des Testgeländes vorbeifahrenden Autos einzufangen, aber Gravitationswellen erkannten sie keine, weil deren Effekte eben nur ein Bruchteil so stark sind wie die etwa elektromagnetischer Ereignisse. Wer derlei hinterherjagt, braucht ein Gemüt wie die Leute auf der Station in „Praktikanten“, die, weil der Platz an Bord knapp ist, bei Überbelegung sogar in Aufzügen Quartier nehmen, bis ein Inspektor das moniert, woraufhin der Sprecher der Forschungsgruppe sagt: „Das ist aber auch was, im Fahrstuhl zu übernachten! Ja und, sollen sie warten, bis die Behörde den Bau einer neuen Station zu Ende bringt? Worüber kann sich denn jemand beschweren, der eine interessante Arbeit hat?“

Die Fältchen im Äußersten, die diese „interessante Arbeit“ erforscht, rechnen die Figuren im Roman der Strugatzkis wie in den zitierten Texten von Lem, Egan und Reynolds einem anonymen Urheber zu, der „das Universum“ heißt. Es gibt jedoch andere Texte, in denen die großräumige Beschaffenheit dieses Universums, das ja viel älter ist als jedes forschende Menschenbewusstsein, auf Spuren von Praxis abgesucht wird, die nicht von Menschen hinterlassen wurden. Wir könnten, wenn wir ins All hinausschauen und -horchen, Publikum nicht nur von Natur-, sondern von fremder Zivilisationsgeschichte sein. Der Autor Stephen Baxter hat ein solches Szenario in mehreren Büchern gestaltet, die von der Begegnung und dem Konflikt der ins All expandierenden Menschheit mit den außerirdischen „Xeelee“ handelt. Der Einsatz von doppelläufigen Kanonen, die zwei Singularitäten auf berechenbare Distanz kollidieren lassen, spült in den dort geschilderten Schlachten gewaltige Gravitationswellen durchs All und ist in Baxters Werk dabei nicht einmal das größte Wunder der waffenfähig gemachten „Geometrodynamik“ (wie man die Allgemeine Relativitästheorie nicht nur in Fachliteratur, sondern auch in der Fiktion nennt, um ihren Akzent auf der Wandelbarkeit der Raumzeitstruktur zu betonen).

Wo es Wellen gibt, kann man Empfangen und Senden

Die Xeelee-Serie weist gegenüber anderer Science Fiction über Gigantisches die Besonderheit auf, dass Baxter in ihr die Entstehung und Entwicklung lebender Systeme (also solcher, die sich vervielfältigen und dabei der Variation und der Selektion unterliegen, wie sie auch unsere Evolution bestimmt haben) als etwas im Kosmos relativ Häufiges postuliert. Als Trägerstruktur kann Leben bei ihm nicht nur unsere bekannte Teilchenmaterie in Anspruch nehmen, sondern auch Dunkle Materie, Quarks, alle Arten von Knick- und Bruchbesonderheiten der Raumzeit.

„Leben“ in diesem Sinn gibt es bei Baxter schon innerhalb der Planckzeitspanne nach dem Urknall. Viele Spezies, die bei ihm seither entstanden, hatten Einfluss auf das, was physikalisch insgesamt geschah – auf die Inflation des Kosmos, auf Symmetriebrüche und allerlei Phasenübergänge. Schauen und horchen nun Menschen in das so bearbeitete Universum hinaus, erleben sie gleichsam makrokosmische Street Art, letztlich: Kommunikation. Dass Gravitationswellen sich prinzipiell auch als Kommunikations- und Informationstransportmittel nicht grundsätzlich schlechter eignen als Radiowellen, hat nicht nur im Werk von Baxter Spuren hinterlassen. In der weltweit populären „Drei Sonnen“-Trilogie des chinesischen Ingenieurs und Romanciers Cixin Liu ist das ein wesentlicher Plot-Bestandteil. Als konkrete Machbarkeitsstudie zum selben Einfall darf man die im Juni 2018 publizierte Abhandlung „A Gravitational Wave Transmitter“ betrachten, deren Co-Autor (neben A. A. Jackson vom Lunar and Planetary Institute in Houston), der Physiker Gregory Benford, mit den zwischen 1977 und 1996 erschienenen Romanen seiner „Galactic Center Saga“ auch als ebenso streng logisch planender wie literarisch anspruchsvoller Science-Fiction-Autor in Erscheinung getreten ist.

Anschauung in Handlung, Theorie als ästhetische wie wissenschaftliche Praxis: Die Insel menschlichen Lebens und Bewusstseins im kosmischen Meer ist etwas Besonderes, selbst wenn es darin mehr und andere Arten von Leben und Bewusstsein geben sollte, als wir heute wissen. Vielleicht wird man uns und unsere Wissenschaft und Kunst eines Tages an ihren größtmöglichen Folgen bis weit ins All erkennen können. Dann gälte für uns, unsere Praxis und deren Praktika in potentiell unendlichem Kontext, was bei den Strugatzki-Brüdern steht: „Wir alle sind Praktikanten im Dienste der Zukunft. Alte und junge. Unser Praktikum dauert das ganze Leben lang, bei jedem auf seine Weise. Und wenn wir sterben, bewerten die Nachkommen unsere Arbeit und stellen das Diplom für die Unsterblichkeit aus.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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