Zweite Welle

Spätes Handeln hat seinen Preis

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 21.11.2020
 - 16:00
Blick auf das Bundeskanzleramt in Berlin: Mitte Oktober wäre der Teil-Lockdown wohl wirkungsvoller gewesen als im November.
Der Teil-Lockdown hat die gewünschte Wirkung verfehlt, bis jetzt jedenfalls. Nun hängt viel davon ab, dass alle Bürger den Schalter schnell und konsequent umlegen.

Inzwischen ist nicht mehr zu leugnen, dass die Reaktion auf den Anstieg der Infektionszahlen zu spät kam. Der Teil-Lockdown hat die gewünschte Wirkung verfehlt, bis jetzt jedenfalls. Mitte Oktober, als die Kanzlerin vom „Unheil“ sprach und es bei Appellen belassen wurde, wären die Maßnahmen, die zwei Wochen später beschlossen wurden, wirkungsvoller gewesen.

Die einzige Gewissheit aber, die man mit Blick auf die Corona-Maßnahmen aus der ersten Welle ziehen und auch aus den Erfahrungen stärker getroffener Länder mitnehmen konnte, lautete: Spätes Handeln hat seinen Preis.

Die Fallzahlen auf den Intensivstationen steigen weiter

Jetzt also sind die Fallzahlen ebenso wie die Inzidenz auf einem so hohen Niveau angekommen, dass mancher schon die Stagnation als Erfolg verbucht – oder von der zweiten Welle schon wieder in der Vergangenheitsform redet. Tatsache ist jedoch, dass die Fallzahlen auf den Intensivstationen weiter steigen und die Zahl der täglich registrierten Covid-19-Todesfälle inzwischen das höchste Niveau vom Frühjahr erreicht hat.

Die Dynamik der Pandemie hat sich also noch nicht genug verringert. Viele der heute Infizierten werden demnächst in den Kliniken behandelt werden. Zumal sich jetzt auch wieder alte Menschen vermehrt anstecken.

Der zermürbende Druck auf das Gesundheitspersonal wird damit nicht geringer, während gleichzeitig der Rest sich den Kopf zerbricht, ob Weihnachten ohne weitere Kontaktbeschränkungen stattfinden kann oder der verheißungsvolle Impfstoff vielleicht schon ab Januar oder erst im April verteilt werden wird.

Die Menschen sind anfälliger

Nur wenn es gelingen sollte, wie im Frühjahr das Wachstum der Fallzahlen um ehrgeizige 25 Prozent pro Woche zu senken, würde die bundesweite Inzidenz frühestens Mitte Dezember unter die politisch geforderten 50 Fälle pro 100.000 Personen sinken.

Die zweite Welle ist aber schon deshalb härter, weil die äußeren Bedingungen für das Virus besser und die Menschen anfälliger sind. Dazu kommt, dass der Teil-Lockdown den Bewegungsradius der pandemiemüden Bürger viel weniger als im Frühjahr drückt. Deshalb hängt nun viel davon ab, dass alle den Schalter schnell und konsequent umlegen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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