Denkmalpflege in Frankfurt

„Es geht um Abwägen, nicht um Feilschen“

Von Rainer Schulze
30.08.2020
, 15:14
In der Mainmetropole stehen Baudenkmale unter einem hohen Investitionsdruck. Die Denkmalpflegerin Maria Wüllenkemper erklärt, warum auch geschützte Gebäude verändert werden können.

Seit Februar sind Sie als Bezirkskonservatorin des Landesamtes für Denkmalpflege für die Stadt Frankfurt zuständig. Haben Sie sich schon eingearbeitet?

Es läuft sehr gut an. Sechs Monate reichen allerdings nicht aus, um sich in eine facettenreiche Denkmallandschaft wie die Frankfurter einzuarbeiten. Ich freue mich, dass der Denkmalschutz in Frankfurt überwiegend auf große Akzeptanz stößt. Das erleichtert die Arbeit ungemein.

Sie waren zuvor für Wiesbaden zuständig. In der Stadt des Historismus gibt es ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für den Wert des Denkmalschutzes. Dort sind die Leute vermutlich stolz, in einem Baudenkmal zu wohnen. Oder?

Das Hauptthema in der Landeshauptstadt ist die historistische Stadt, auf die die Wiesbadener zu Recht stolz sind. Die Denkmallandschaft ist dort eher homogen. Den größten Anteil machen Gebäude aus, die Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, als die damalige „Weltkurstadt“ ihre Blütezeit erlebte. Zudem gibt es kaum Kriegszerstörungen. Das stellt sich in Frankfurt natürlich anders dar.

Wie würden Sie die Denkmallandschaft in der Mainmetropole beschreiben?

Sie ist in jedem Fall sehr heterogen. Zum einen gibt es eine große Bandbreite an Stilrichtungen. Die schützenswerte Bausubstanz reicht vom Mittelalter über die Gründerzeit und das „Neue Frankfurt“ bis in die Postmoderne. Zum anderen sind die Bauaufgaben sehr vielschichtig. Wir befassen uns in Frankfurt mit Siedlungsbauten ebenso wie mit großbürgerlicher Wohnbebauung, Gebäuden mit öffentlicher Nutzung und Sakralbauten. Nicht zu vergessen sind natürlich auch öffentliche Parkanlagen und Friedhöfe, deren Entwicklung zu begleiten ebenso unsere Aufgabe ist.

Wie viele Denkmale gibt es in Frankfurt?

Es sind derzeit knapp 4000 Einzeldenkmale, gut 150 Gesamtanlagen mit knapp 4000 Objekten gelistet. Die Liste wird jedoch derzeit überarbeitet, so dass die Zahlen sich noch etwas ändern können.

In der Nachkriegszeit musste schnell und günstig gebaut werden. Ist es schwerer, die Bausubstanz der fünfziger Jahre zu bewahren als die der Gründerzeit?

Das möchte ich so pauschal nicht sagen. Es gibt auch aus den fünfziger Jahren Gebäude mit sehr qualitätvoller Bausubstanz. Bei älteren Gebäuden besteht oft die Gefahr, dass bei Reparaturen und Instandsetzungen in der Vergangenheit mit falschen Materialien gearbeitet wurde, die sich dann negativ auf den Erhaltungszustand des Gebäudes auswirken.

Wie versuchen Sie, bei Bauherren das Bewusstsein für den Denkmalwert zu erhöhen?

Die offene Kommunikation ist wichtig. Es ist wesentlich, die Vorstellungen der Bauherren zu berücksichtigen und fachliche Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass Bauherren und Denkmalpfleger um die Bausubstanz feilschen. Bei Großprojekten, in die geschützte Gebäude integriert werden, bleiben oft nur einzelne Fassadenelemente stehen. Das war beim Bundesrechnungshof so und ist beim „Four“ nicht anders. Von der Substanz blieb in beiden Fällen nur ein Skelett übrig.

Die Abstimmung in komplexen Planungsprozessen erfordert in der Regel Zugeständnisse von allen Beteiligten. Technische Gegebenheiten und andere öffentliche Belange, wie etwa der vorbeugende Brandschutz, der Naturschutz oder das Wasserrecht, sind zu berücksichtigen. Es geht um sorgfältiges Abwägen, nicht um Feilschen. Besonders bei der Umnutzung eines Gebäudes sind Eingriffe in die Substanz kaum vermeidbar.

Wie stark sind Sie bei den konkreten Bauvorhaben involviert?

Wir haben dem Denkmalamt der Stadt Frankfurt im Rahmen einer Verwaltungsvereinbarung Kompetenzen bei der Beratung und Genehmigung von privaten Eigentümern übertragen. Unsere Aufgabe besteht darin, durch intensive Beratungen ein denkmalfachliches Konzept für eine Sanierung zu entwickeln und abzustimmen. Das bedeutet, dass wir uns zunächst mit der Geschichte und den individuellen Gegebenheiten der Gebäude befassen und daraus Möglichkeiten für die Sanierung ableiten. Jedes Gebäude hat unterschiedliche Voraussetzungen. Das macht unsere Arbeit so spannend und vielfältig.

Zu Ihren Aufgaben zählt auch die Ausweisung neuer Denkmale. Zuletzt wurde Kritik laut, dass die Ausweisung zu schleppend und unstrukturiert verlaufe. Auch die Stadt kritisiert, dass 519 Denkmale zwar erkannt und auf eine „interne Arbeitsliste“ aufgenommen, aber noch nicht formal erfasst wurden.

Im Sinne unseres gesetzlichen Auftrages wird der Denkmalbestand Hessens systematisch erfasst. Grundsätzlich kommt es bei der Denkmalerfassung darauf an, eine fachlich begründete Auswahl aus einer großen Anzahl erhaltenswerter Bauten zu treffen. Für die Ausweisung jüngerer Denkmäler in Frankfurt ist ein Kollege aus unserem Hause zuständig, der die vorliegende Liste seit Beginn dieses Jahres bearbeitet.

Wie lange dauert es noch, bis die interne Arbeitsliste abgearbeitet ist?

Derzeit wird die Innenstadt systematisch nachinventarisiert. Wir gehen davon aus, dass dieser Bereich im nächsten Jahr abgeschlossen sein wird.

Aber es geht bei der Erfassung ja auch um steuerliche Vergünstigungen und Abschreibungsmöglichkeiten. Die gibt es nicht ohne eine formale Ausweisung.

Das stimmt. Wenn es dringlich ist, wird eine Beurteilung des Denkmalwertes auch vorgezogen.

Geht es bei dieser Nachinventarisation vor allem um neuere Baujahre? Oder schaut man, ob noch irgendwo ein alter Wehrturm herumsteht?

Es geht überwiegend um die Bauten nach 1945 bis in die achtziger und neunziger Jahre.

Wo liegt die zeitliche Grenze für den Denkmalschutz? Wie jung kann ein Gebäude sein, damit es unter Schutz gestellt wird?

Wir setzen voraus, dass die Gebäude mindestens eine Generation, also etwa 30 Jahre überdauert haben sollten, bevor sich der Denkmalwert fachlich fundiert beurteilen lässt. In den achtziger und neunziger Jahren wurden in Deutschland und auch gerade in Frankfurt bedeutende Bauten der Postmoderne realisiert, auf denen jetzt ein Fokus liegt. Es fällt mitunter schwer, den Wert dieser Gebäude zu vermitteln. Im allgemeinen Verständnis muss ein Denkmal schön und alt sein. Die Schönheit des Betonbrutalismus erschließt sich dem Betrachter nicht so leicht wie eine neogotische Kirche oder ein Jugendstil-Gebäude.

Auch eine Ausweisung des Messeturms, Baujahr 1991, als Kulturdenkmal wurde schon erwogen. Der Wert des Turms ist in der Bevölkerung verankert, weil er zur Stadt gehört.

Der Turm ist eine Inkunabel seiner Zeit und als architektonisch wertvolles Kulturgut erkannt worden. Dass sich viele Frankfurter damit identifizieren, macht die Vermittlung natürlich leichter. Auch für das fachlich nicht geschulte Auge ist das ein Gebäude von städtebaulicher Bedeutung.

In der Bürostadt Niederrad beobachteten einige Entwickler mit Entsetzen, dass auch Bürohäuser aus der Nachkriegszeit unter Schutz gestellt wurden. Wie wappnet man sich für solche Kämpfe?

Eine Denkmalausweisung bedeutet nicht, dass das Gebäude nicht verändert werden darf. Denkmalschutz bedeutet keine Veränderungssperre. Wir begleiten die Sanierung der Gebäude und setzen uns dafür ein, die Eigentümer für ihre prägenden Elemente zu sensibilisieren. Moderne Arbeitswelten lassen sich auch im Kulturdenkmal verwirklichen.

Wie ist Ihr Verhältnis zur städtischen Behörde?

Ich bin mindestens einmal pro Woche im städtischen Denkmalamt und bespreche mit den Kollegen aktuelle Fälle. Gemeinsam nehmen wir Termine vor Ort wahr.

Beim Kaufhaus Lorey, das mitten im laufenden Verkaufsprozess unter Schutz gestellt wurde, hatte man den Eindruck, dass die beiden Behörden einander die Verantwortung für das Missgeschick zuwiesen. Wie geht es dort weiter?

Wir sind im konstruktiven Austausch mit dem Eigentümer.

Auch bei den Städtischen Bühnen gibt es einen Konflikt.

Die Stadt kennt das Interesse des Landesamtes an dem Gebäude seit geraumer Zeit. Es gibt eine fundierte fachliche Stellungnahme zum Denkmalwert des Gebäudes.

Das Landesamt hat den Denkmalwert des Foyers erkannt, das Gebäude aber bislang nicht formal als Kulturdenkmal ausgewiesen. Die Kulturdezernentin ist der Ansicht, man könne den besonderen Charakter des transparenten und offenen Foyers auch in ein neues Gebäude transformieren. Wären Sie damit einverstanden?

Es ist noch viel zu früh, um hier eine Festlegung zu treffen.

Können Sie sich vorstellen, dass die neue Altstadt eines Tages als Rekonstruktion unter Schutz gestellt wird?

Die Rekonstruktion von geschichtlich bedeutenden Gebäuden ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Letztlich muss abgewartet werden, in welcher Weise diese neue Altstadt das Stadtgefüge belebt und die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt prägt. Lassen Sie uns mit einer Generation Abstand darüber nachdenken.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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