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Freizeit & Reisen

Caravan mit Eigenleben

Wenn E-Autos einen Wohnwagen ziehen, dann geht das auf Kosten der Reichweite. Das stellt die Caravan-Branche vor Herausforderungen. Der Allgäuer Hersteller Dethleffs antwortet mit einer cleveren Lösung. Die definiert die Grundidee des Caravanings neu und bietet neue Chancen im Camper-Alltag.

Blauer Himmel, freie Straßen und den Wohnanhänger am Fahrzeug angedockt: Die Fahrt in den Urlaub kann beginnen. Zunächst auf den Fernpass, dann über die Tiroler Autobahn an Innsbruck vorbei und schließlich über den Brenner gen Süden. Doch das Gespann wird von einem Elektroauto gezogen und früher als gewohnt beginnt die Batterieanzeige zu blinken. Eine Ladesäule muss her.

Wer derzeit eine Reise mit einem E-Auto inklusive Anhänger plant, muss damit rechnen, dass die anfängliche Vorfreude schnell in Frustration umschlägt. Die begrenzte Reichweite bei E-Autos kann beim täglichen Pendeln zur Arbeit – mit nächtlichem Laden zu Hause – noch funktionieren, auf Reisen aber zum Problem werden. Wenn dann noch ein Caravan am E-Fahrzeug hängt, fordert nicht nur das zusätzliche Gewicht, sondern auch der Windwiderstand des Wohnwagens seinen Tribut: Batterieleistung des Zugfahrzeugs und Reichweite verringern sich erheblich.

Obwohl die Ladeinfrastruktur noch immer sehr lückenhaft ist, entscheiden sich immer mehr Menschen zum Kauf eines E-Fahrzeugs. Gleichzeitig erhöht sich der Wunsch nach individuellem Reisen mit Caravans und Wohnmobilen. Wie kann das beliebte Caravaning auch in Zeiten der E-Mobilität zukunftsfähig bleiben? Eine Antwort gibt der Allgäuer Hersteller Dethleffs. Der hat einen Caravan mit einem eigenen Elektroantrieb entwickelt, der den Wohnwagen während der Fahrt zusätzlich antreibt.

Von der Idee zum Prototyp

„Ein E-Auto mit Standardwohnwagen verliert etwa die Hälfte seiner Reichweite. Wenn man dann noch Probleme hat, unterwegs nachzuladen, wird die Reise zur Tortur“, erklärt Rüdiger Freimann, der die Entwicklungsabteilung der Erwin Hymer Group leitet, zu der auch die Marke Dethleffs gehört. Nachdem ihr vollelektrisches Wohnmobil bereits 2017 große Resonanz erhalten hatte, entwickelte Dethleffs zusammen mit den Projektpartnern Erwin Hymer Group und ZF Friedrichshafen AG die Vision eines elektrisch angetriebenen Wohnanhängers. „Dabei war uns von Anfang an klar: Elektromobil fahren heißt, über die Alpen zu fahren zu können“, erinnert sich Freimann. „Denn die Reise über die Berge in den Süden ist seit jeher eine Sehnsuchtsfahrt. So haben wir die Überquerung der Alpen als Ziel gesetzt und das System des Prototyps so ausgelegt, dass der Caravan sich selbst über das Gebirge fahren kann.“

Rüdiger Freimann, Head of Automotive Engineering, Erwin Hymer Group SE
„Ein E-Auto mit einem Standardwohnwagen verliert etwa die Hälfte seiner Reichweite.“
Rüdiger Freimann, Head of Automotive Engineering, Erwin Hymer Group SE

Den Caravan neu erfinden

Durch das Zusammenspiel von zwei radindividuellen Elektromotoren mit je 30 Kilowatt Konstantleistung und 90 Kilowatt Spitzenleistung, der Hochleistungsbatterie und einer intelligenten Steuerung kann der E-Caravan mit dem Namen „E.Home“ das Fahrgespann mit antreiben – ähnlich wie der hintere Fahrer eines Tandems. So bleibt die Reichweite des E-Autos trotz des schweren Anhängers erhalten. Durch die Rekuperation, also das Rückgewinnen von Energie beim Verzögern, laden sich die 80 Kilowattstunden-Batterien des E.Home beim Bremsen oder Bergabfahren wieder auf. Die Akkus sind zwar schwer, bieten aber auch Vorteile: „Die Batterie wird aufgrund ihrer Größe und ihres Gewichts möglichst weit unten platziert. Das sorgt für eine grundsätzliche Fahrstabilität und reduziert die Kippneigung des Anhängers“, so Freimann. Durch eine spezielle Sensorik bleibt das Gespann außerdem immer gestreckt, sodass der Anhänger selbst beim Bremsen nicht auflaufen kann. Zusätzlich sorgt eine zentrale Steuereinheit dafür, dass der Antrieb jedes Rad gezielt und individuell angesteuert wird. Das stabilisiert den Anhänger in Kurvenfahrten und bringt ihn bei Schlingern schnell wieder ins Lot.

„Neben der Reichweite ist der Trend zu immer leichteren Autos mit weniger Anhängelast eine weitere große Herausforderung“, erklärt Freimann. Die Lösung: ein intelligentes Zugentlastungsmodul, das die Anhängelast reduziert. So können auch kleinere Pkw schwere (Wohn-)Anhänger ziehen. „Eine starke Motorisierung des Zugfahrzeuges ist nicht mehr nötig“, sagt der Ingenieur. Das Prinzip ist nicht auf E-Fahrzeuge beschränkt, sondern gilt auch für Autos mit Verbrennungsmotoren. Ein weiterer Vorteil: Mit angehängtem Caravan verbrauchen sie weniger Kraftstoff und produzieren somit auch weniger CO2.

Der E-Caravan von Dethleffs treibt das Fahrgespann mit an.

Die größte Herausforderung des E-Caravans ist in den Augen des Entwicklungsingenieurs die System- und Regelungstechnik. Denn der E-Caravan soll weitgehend autark sein, das Zugfahrzeug dient nur der Führung. „Das System muss nicht nur für sich funktionieren, sondern auch im Gespann sicher sein. Das ist eine neue Anforderung“, so Freimann. „Aber wir sind technisch sehr zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Aktuell arbeiten wir intensiv an der Fortsetzung des Projekts in Richtung Serie.“

Neue Chancen im Alltag

Bei einem Caravan wird es besonders spannend, wenn er abgehängt wird. Dann geht der Urlaub richtig los. Das weiß auch Rüdiger Freimann, der selbst seit vielen Jahren mit dem Caravan in den Urlaub fährt. Dank des eigenen Antriebs lässt sich der autarke Anhänger auf dem Campingplatz problemlos allein bewegen und rangieren - bis hin zu einer 360 Grad Drehung auf dem Punkt. Dabei ist der Eigenantrieb sowohl bei der Ankunft als auch beim Verlassen des Stellplatzes besonders praktisch. „Oft sind die Wiesen nass. Und wenn ich dann von hinten ein bisschen Unterstützung bekomme, geht das viel einfacher und ich kann bequem ein- und ausparken“, so Freimann. Außerdem kann über die große Batterie gasfrei gekocht, klimatisiert und geheizt werden. „Man hat seinen eigenen Speicher dabei, sodass man auch mehr als eine Nacht leicht überbrücken kann, ohne an die Steckdose zu gehen“, sagt der Freizeit-Camper. „Das ist besonders interessant für Reiseziele wie Skandinavien oder USA, wo Wildcampen abseits der Infrastruktur von Campingplätzen möglich ist.“

Wieder zuhause lässt sich der E-Caravan ganzjährig als mobiler Stromspeicher nutzen. „Das Thema planbare Energie ist sehr weitreichend, es gibt viele Möglichkeiten. Zum Beispiel kann ich meine eigene Solaranlage damit unterstützen“, so Freimann. Der generierte Strom kann dank der leistungsstarken Batterie des Anhängers lokal gespeichert werden. Das zahlt sich vor allem bei Produktionsspitzen an langen Sonnentagen aus und ermöglicht eine weitgehende Unabhängigkeit vom öffentlichen Stromnetz.

Rüdiger Freimann, Head of Automotive Engineering, Erwin Hymer Group SE

Gesetzliche Hürden

Bis der E.Home Caravan auf die Straße kann, müssen jedoch noch etliche gesetzliche Grundfragen geklärt werden. Bei den Herausforderungen der Führerscheinthematik und der Europäischen Zulassungsrichtlinien wird das Dethleffs-Team vom Caravaning Industrie Verband (CIVD), dem Verband der Automobilindustrie (VDA) und dem Bundesverband eMobilität (BEM) unterstützt. „Bis zur Typgenehmigung ist es noch ein weiter Weg. Auch wenn viel passiert, rechnen wir noch mit zwei bis drei Jahren. Sowohl was die Entwicklung des Systems betrifft als auch die Gesetzgebung“, so Freimann.

Die Kosten sind ebenfalls ein heikles Thema: „Der E-Caravan wird vor allem aufgrund der teuren Batterie mehr kosten, so wie auch heute ein E-Auto mehr kostet als ein Verbrenner. Doch man kann bereits eine Gegenrechnung machen. Denn unser System bringt viele Eigenschaften mit sich, für die Kunden bei einem gewöhnlichen Caravan zusätzlich Geld investieren würde. Man kann sich also für den E-Caravan einen Preis errechnen, den Kunden heute schon bezahlen“, erklärt der Entwicklungsingenieur zuversichtlich.

Trotz Gegenwind steil bergauf

Übrigens: Bei der 380 Kilometer langen Testfahrt über die Alpen hat der E.Home alle Erwartungen erfüllt. Der elektrische Anhänger konnte den höheren Energieverbrauch durch den Anhängerbetrieb kompensieren, sodass das Zugfahrzeug sein Ziel auch mit Caravan problemlos erreichte. Und das trotz des starken Gegenwindes – und ohne ein einziges Mal nachzuladen.


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