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Transport & Logistik

„Nachhaltige Logistik muss sich lohnen“

Der Güter- und Warenverkehr nimmt weltweit zu. Die Folge sind überlastete Verkehrswege und hoher Ressourcenverbrauch. Im Interview erklärt Logistik-Professor Uwe Clausen, wie der Transport nachhaltig gestaltet werden kann, wie sich die Pandemie auf Lieferketten auswirkt und welche speziellen Ansätze es für die sogenannte „letzte Meile“ gibt.

Herr Professor Clausen, viele Menschen ärgern sich über die zahlreichen Lieferwagen, die die Straßen verstopfen, möchten ihre Onlinebestellungen aber gerne noch am gleichen Tag zugestellt bekommen. Wie passt das zusammen?

UC: Das passt eigentlich nicht zusammen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass einer Mehrheit der Menschen durchaus bewusst ist, dass ohne Lieferwagen kein Handel möglich ist. Überlastete Infrastruktur und Staus sind vor allem dann ein Problem, wenn sich Personen- und Güterverkehr überlagern und die Infrastruktur nicht gut geplant ist.

Welche Lösungsansätze gibt es denn, um die Liefersituation auf der letzten Meile zu entspannen?

UC: Ich halte Packstationen nach wie vor für gut. Das setzt aber bei den Kommunen die Bereitschaft voraus, entsprechende Flächen bereitzustellen – und beim Betreiber, zu investieren. Mein Eindruck ist, dass das noch passieren wird. Ein wichtiger Trend könnte auch sein, dass man bei neuen Immobilienprojekten in Mehrfamilienhäusern eine Übergabestation einplant...

… die dann von den Zustellern in elektrisch angetriebenen Lieferfahrzeugen befüllt wird?

UC: In Metropolen sind elektrische Lieferwagen das Transportmittel der Zukunft. Es wird auch europäische Hauptstädte geben, die das verlangen. Die Transportunternehmen haben dabei zwar höhere Anschaffungskosten, können dafür aber bei den Wartungskosten sparen. Zudem können sie leiser und lokal emissionsfrei ausliefern. In Städten bietet sich das an. Für Überlandfahrten sehe ich jedoch auch Transporter mit Dieselmotor noch viele Jahre als zweckmäßig an – zumindest, bis effizientere Speichertechnologien und eine leistungsfähige Ladeinfrastruktur bereitstehen.

Der Onlinehandel wird in Zukunft weiter zunehmen. Wie kann der Transportsektor ökologischer gestaltet werden?

UC: Erstens müssen weitere Bündelungspunkte und Umschlagknoten im logistischen Netz geschaffen werden, um flexibler zu werden. Zweitens sollten die Unternehmen ihre Logistikimmobilien nachhaltig bauen oder umgestalten. Drittens gilt es, vorhandene Kapazitäten besser zu nutzen, indem Logistiksysteme Aufträge vorausschauend disponieren. So können Fahrzeuge nicht nur zu 70 Prozent, sondern zu mehr als 90 Prozent ausgelastet werden. Und viertens sollten der Verteilerverkehr auf elektrischen Antrieb umgestellt und erneuerbare Energie für das Laden genutzt werden.

Kann Logistik überhaupt nachhaltig sein, wenn Waren um den ganzen Globus transportiert werden?

UC: Ja, wenn sie mit einer konsequenten Nachhaltigkeitsstrategie optimiert wird. Der Seetransport mit Containern ist – bezogen auf den einzelnen Artikel – mit relativ wenig Treibhausgasemissionen verbunden. Auch der Transport per Lkw ist vergleichsweise nachhaltig, wenn es vom Hafen in einer großen Einheit mit nur einem Umschlag in gut ausgelasteten Fahrzeugen zum Empfänger geht. Das Problem sind lange und kleinteilige Vor- und Nachläufe: Wenn man viele Umschläge hat, viele kleinteilige Verteilelemente oder Direktfahrten mit kleinen Fahrzeugen, dann ist das oft wenig nachhaltig. Es geht darum, die Netzstruktur und die Logistikprozesse auf eine gute Auslastung und nicht zu lange Transportwege auf dem Land zu organisieren.

Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen
Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen

Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen
Nach seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Abteilungsleiter Verkehrslogistik am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) war Uwe Clausen zunächst als Projektleiter Logistik für die Deutsche Post AG tätig und später Geschäftsführer der Tochterfirma IPP Paketbeförderung GmbH in Österreich. Danach wechselte Clausen zu Amazon nach Bad Hersfeld und war dort zuletzt European Operations Director, bevor er 2001 dem Ruf an die Technische Universität Dortmund folgte. Parallel zur Institutsleitung am Fraunhofer IML übernahm er die Leitung des Lehrstuhls für Verkehrssysteme und -logistik (heute Institut für Transportlogistik).

Die Pandemie beeinflusst auch den Güterverkehr. Wie wirkt sich das mittel- und langfristig auf Lieferketten aus?

UC: Die Unternehmen werden sich verstärkt Gedanken machen, wie sie ihre Lieferketten störungsresistenter gestalten können. Sie werden auch in Europa nach Lieferanten suchen und diese fördern, und an bestimmten Stellen werden sie wieder mehr Bestände vorhalten. Eine durchgängig lokale Produktion oder Regionalisierung ist aus wirtschaftlichen Gründen jedoch kaum vorstellbar. Natürlich können wir viele Produkte in Deutschland und Europa produzieren. Aber das ist häufig nicht zu den gleichen Preisen möglich wie in Asien. Insofern glaube ich nicht an das Ende der Globalisierung.

Warum kommt der Güterverkehr in Deutschland seit Jahren nicht verstärkt auf die Schiene?

UC: Züge sind sehr leistungsfähig bei Gütern, die auf längeren Strecken von Punkt zu Punkt befördert werden – etwa im Verkehr zwischen einzelnen Fabriken, aber auch im Handelsverkehr, zum Beispiel über die Alpen. Voraussetzung dafür ist, dass man Waren und Güter entsprechend bündelt und damit schienenfähig macht. Und es sind Investitionen in die Infrastruktur nötig, also in Stellwerke, Gleise, ausreichend Überholkapazität, damit man an möglichst vielen Stellen im Netz mit schnellen Personenzügen die langsamen Güterzüge überholen kann. Also: Zügig die Infrastruktur verbessern, Wettbewerb zulassen, neue Lösungen in der Digitalisierung und Automatisierung fördern. Und die Schiene da einsetzen, wo ihre Logistikfähigkeit und Energieeffizienz Vorteile bringt.

Wie kann die Digitalisierung zu einem nachhaltigen Transportsektor beitragen?

UC: Die Digitalisierung ist ein Megatrend für die Transport- und Logistikbranche, der sowohl neue Plattformen und Services als auch eine bessere Steuerung im Sinne der Nachhaltigkeit mit sich bringt. Denn einerseits lassen sich logistische Netze und Prozesse mithilfe aktueller Daten zu Ressourcen, Auslastung und Anforderungen der Nachfrageseite optimieren. Andererseits kann der Wandel von einer linearen Wirtschaft mit Produktion, Distribution, Nutzung und Entsorgung zu einer mehr zirkulären Wirtschaft, in der Güter langlebiger konstruiert und in höherem Maße recycelt werden, durch Digitalisierung und Datenaustausch viel besser gelingen.

Was muss die Politik tun, um den Warentransport nachhaltiger zu gestalten?

UC: Zum einen muss sie die Forschung zur Wasserstoffmobilität und der benötigten Infrastruktur fördern. Zum anderen muss sie aber auch darauf hinwirken, dass wir zu einer CO2-Bepreisung im Gesamtsystem kommen. Vor diesem Hintergrund muss es dann einen technologieoffenen Wettbewerb um die günstigste Lösung geben. Auch die Stadtplaner können einiges tun, etwa indem sie Lieferzonen ausweisen oder den Parkraum angemessen bepreisen. Und natürlich müssen europaweit die Bedingungen dafür geschaffen werden, dass sich nachhaltige Logistik auch für die Unternehmen lohnt.


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29.12.2020
Quelle: Neudenken