Verlagsspezial
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Produktion & Recycling

Tasche mit Botschaft

Kunststoffkreislauf Teil 1

Millionen Tonnen von Plastikmüll schwimmen in den Meeren, das ist seit Jahren bekannt. Lösungen, um die Müllteppiche zu verkleinern, sind dringend nötig. Die Firma GOT BAG aus Mainz hat ihr komplettes Geschäftsmodell rund um die Ozeansäuberung und das Recycling der gesammelten Kunststoffe aufgebaut. Ein Gespräch mit Gründer Ben Mandos zeigt, wie groß diese Aufgabe ist.

Wie viel Plastik weltweit in den Meeren schwimmt, ist kaum vorstellbar. Laut Naturschutzbund Deutschland (NABU) könnte man allein mit dem Kunststoffabfall auf dem Boden der Nordsee anderthalbmal den Kölner Dom auftürmen. Weltweit gelangen dem NABU zufolge jährlich etwa zehn Millionen Tonnen Müll ins Meer, davon sind drei Viertel Kunststoff. Genauer gesagt: Plastiktüten, PET-Flaschen, Feuerzeuge, Zigarettenkippen, Einmalrasierer oder herrenlose Fischernetze. Plastikflaschen zum Beispiel zerfallen im Meer erst nach hunderten von Jahren, so lange können sie in Mägen von Meeresbewohner oder Vögeln landen. Mikroplastikpartikel, also millimeterkleine Kunststoffteilchen, die aus Plastikmüll ausgeschwemmt werden, gelangen fast unsichtbar in alle Wasser- oder Stoffkreisläufe und stellen einen zusätzlichen Problemkomplex dar.

Lösungen sind also gefragt: Wie kann man das Meer von Plastik befreien und was macht man dann mit dem Müll? Das Mainzer Unternehmen GOT BAG hat darauf Antworten gefunden. Ein Netzwerk von Fischern reinigt die Gewässer vor der Küste Indonesiens – eines der am stärksten vom Plastikmüll betroffenen Länder weltweit. Den Abfall nutzt GOT BAG als Rohstoff und stellt daraus Rucksäcke und Taschen her.

Benjamin Mandos, wie gelangt der Plastikmüll überhaupt in die Ozeane?

BENJAMIN MANDOS: Es gibt leider viele Quellen. Ein Großteil des Plastiks stammt von wilden Müllkippen im Ödland an Flüssen, Sümpfen oder Küsten. Diese sind in vielen Ländern keine Seltenheit. Die Plastikberge sind vor allem dort ein Problem, wo keine funktionierende Müllwirtschaft existiert. In solchen Gebieten werden große Mengen über Abwässer in Flüsse gespült und so ins Meer getragen. Zum Beispiel in der Regenzeit in Südostasien. Auch direkt von Schiffen gelangt Plastik in die Ozeane.

Der gesammelte Rohstoff wird sortiert, gewaschen und dann zu Garn verarbeitet. Quelle: GOT BAG
Dr. Christian Däschlein,
Leiter der Abteilung Wasserstoffwirtschaft
von Creavis
10 Millionen Tonnen Müll gelangen dem NABU zufolge jährlich ins Meer, davon sind drei viertel Kunststoff.

Warum sammelt GOT BAG Meeresplastik in Indonesien ein?

BM: 2018 kam der erste Rucksack aus Meeresplastik auf den Markt. In kleiner Stückzahl, damals sogar noch mit Plastikmüll aus dem Mittelmeer. Wir haben uns damals die Frage gestellt, wo wir am meisten helfen können. Indonesien hat weltweit das zweitgrößte Plastikmüllaufkommen. Eines unserer ersten Teammitglieder lebte lange dort und hat schnell Kontakte hergestellt. Mit unserem Modell haben wir dort in kein bestehendes Abfallentsorgungssystem eingegriffen.

Was ist das Besondere an Ihrem Geschäftsmodell?

BM: Wir holen Kunststoff aus der Natur zurück und führen ihn einem Kreislauf zu, unser Modell berücksichtigt also Meeresreinigung und Recycling. Wir nehmen an den Sammelstellen in Indonesien auch sogenanntes Social Plastic entgegen, also Haushaltsplastik, das Anwohner abgeben und für das sie vergütet werden. Beides ist aber eine Herausforderung, was die Verschmutzung des Rohstoffes angeht.

Was heißt das?

BM: Reinigung und Vorsortierung des Meeresmülls mussten neu entwickelt werden. Schwankendes Ausgangsmaterial bringt schwankende Qualität beim Garn und später in der Wertschöpfungskette, also auch beim Produkt. Es dauerte etwa zweieinhalb Jahre Entwicklungszeit, bis wir aus dem Müll stabil unseren Rohstoff gewinnen konnten. Dennoch müssen wir uns ständig hinterfragen. Etwa: Wie setzen wir die Beschichtung unserer Rucksäcke um? Aktuell ist das eine umweltverträgliche wasserabweisende Schicht. Oder: Wie verhindern wir, dass das Garn in der Produktion reißt? Das ist bis heute ein Punkt. Kontinuität beim Produzieren ist schwer herzustellen, aber eben auch sehr wichtig.

Wie viel Plastikmüll holt GOT BAG aus dem Meer?

BM: Je nach Produkt benötigen wir anderthalb bis fünf Kilogramm. So sammeln wir mittlerweile bis zu 70 Tonnen pro Monat. Etwa 15 Prozent davon sind Polyethylenterephthalat, also PET, das nutzen wir als Hauptressource. Dann landen noch andere Kunststoffe wie Polypropylen (PP) oder die High-Density-Polyethylene (HDPE) im Netz. PP und HDPE müssen mechanisch recycelt werden bevor sie in anderen, neuen Produkten aufgehen können. Ein generelles Problem der aktuellen Plastiknutzung: Circa 70 Prozent unserer Sammelmasse sind nicht wiederverwertbar. Meistens sind das mehrschichtige Kunststoffe, wie sie in Schokoriegelverpackungen vorkommen. Diese lassen sich unmöglich trennen und weiterverwerten.

2.300 Fischer sammeln vor der Küste Indonesiens Müll für die Produkte von GOT BAG.
Quelle: GOT BAG

Was passiert damit?

BM: Wir haben eine Partnerschaft mit einer Tochtergesellschaft von Heidelberg Zement, die in China ein großes Zementwerk betreibt. Dort wird der Müll, den wir nicht verarbeiten können, zur thermischen Energieerzeugung genutzt.

Wie wird aus dem Müll ein Rucksack, nachdem die Fischer ihre Netze geleert haben?

BM: Wir verarbeiten, wie gesagt, hauptsächlich PET. Das wird nach der Reinigung noch in Indonesien zu Pellets gepresst und nach China in die Produktion verschifft. Dort sitzen die größten und wichtigsten Textilproduzenten der Welt. Das Textil-Knowhow in China – auch bei der Verarbeitung von Plastik zu Garn – ist einzigartig. Der Rucksack entsteht in Shenzhou und fährt dann mit möglichst geringem CO2-Fussabdruck per Zug nach Europa ins Lagerhaus. Mit dem Schiff liefern wir von dort mittlerweile auch in die USA.

Ein Blick in die Fertigung im chinesischen Shenzhou. Quelle: GOT BAG

Wie viele Menschen arbeiten für GOT BAG?

BM: In Deutschland sind wir etwa 60 Leute. In den USA, dem neuesten Markt, bisher drei. Beim Clean-up-Programm in Demak, an der Nordküste Javas, arbeiten fünf Projektmanager, dann noch Logistiker in den Lagerhallen. Zum Netzwerk gehören natürlich noch die etwa 2.300 Fischer, die vor der Küste Indonesiens Plastik sammeln und über eine Kooperation mit Nichtregierungsorganisationen bezahlt werden.

Soll das Clean-up-Programm noch wachsen?

BM: Auf jeden Fall. Strategisch versuchen wir zum Beispiel, auf den Philippinen zu helfen und sind dabei, Kontakte zu Recyclern aufzubauen. Im Sommer haben wir eine „Trash Boom“ im indischen Ganges installiert – eine schwimmende Barriere, die einen Meter tief ins Wasser ragt und verhindert, dass Plastikmüll ins Meer treibt. Auch an Land wollen wir Clean-up-Strukturen verbessern. Unsere lokalen Helfer sind da super Botschafter. Was unsere Produkte angeht, wollen wir bei Taschen und Rucksäcken bleiben. Wir entwickeln aber unser Verfahren weiter, damit bald zusätzlich Fischernetze und PP zu Garn verarbeitet werden können. Und wir wollen zusätzlich zu unseren Einzelzertifikaten gemeinsam mit dem TÜV unseren gesamten Lieferprozess zertifizieren. Ein Nachweis von so einer renommierten Stelle wäre auch eine offizielle Bestätigung, dass unser Ansatz gut durchdacht ist.

#1
Serie „Kunststoffkreislauf“

Die Vielseitigkeit von Kunststoffen als Werkstoff ist nahezu grenzenlos, ob in der Medizintechnik, im Leichtbau für Autos, für Wärmedämmung, Rohrleitungen, Bodenbeläge, Kosmetika oder als Verpackungen. Gleichzeitig ist Plastikmüll ein globales Problem. In der Serie „Kunststoffkreislauf“ schauen wir auf Unternehmen, die mit Kunststoff sinnvoll umgehen. Außerdem fragen wir in der Forschung nach, die Möglichkeiten für alternative, schneller abbaubare Kunststoffe untersucht.


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