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Digitaler Euro

„Wir müssen nicht die Ersten, sollten aber die Besten sein“

Die Europäische Zentralbank hat jüngst beschlossen, einen digitalen Euro zu entwickeln. Auch in anderen Ländern wird an digitalem Zentralbankgeld gearbeitet. Ein Gespräch mit Sören Hettler, Analyst bei der DZ BANK und Claus George, Experte für technische Innovationen und digitale Währungen bei der DZ BANK, über die Auswirkungen auf das Finanzsystem.

Sören Hettler
Sören Hettler Bild: DZ BANK

Warum treiben Zentralbanken weltweit diese Überlegungen gerade jetzt mit Nachdruck voran?

Sören Hettler: Die Zentralbanken stehen vor der Herausforderung, dass das Bargeld als Zahlungsmittel zunehmend an Bedeutung verliert. In Schweden, wo die Entwicklung besonders weit vorangeschritten ist, akzeptieren viele Dienstleister des täglichen Bedarfs gar kein Bargeld mehr. Im Euroraum sind Scheine und Münzen gerade beim Bezahlen kleinerer Beträge weiterhin beliebt, aber auch hier gewinnen bargeldlose Transaktionen an Bedeutung Es geht also darum, den Bürgern auch in Zukunft den Zugang zu Zentralbankgeld zu ermöglichen und dabei die Funktionen des Bargeldes, durch das sich der Wirtschaftskreislauf auch in Krisenzeiten oder bei großflächigen Ausfällen vorhandener Zahlungssysteme am Laufen halten lässt, aufrechtzuerhalten. Bei der chinesischen Zentralbank, der People's Bank of China, kommt noch ein starkes Interesse hinzu, möglichst alle Geldflüsse im Land sowie über die Grenzen zu kontrollieren. Dies ist ein wesentlicher Grund, wieso die Arbeiten an einer digitalen Zentralbankwährung hier bereits vergleichsweise weit fortgeschritten sind.

Welche Rolle spielt dabei die wachsende Marktmacht der Big Techs, also globaler Technologiekonzerne, im europäischen Zahlungsverkehr?

Sören Hettler: Die Ankündigung von Facebook, mit Libra eine globale Digitalwährung schaffen zu wollen und damit Euro und Dollar Konkurrenz zu machen, war sicher ein Weckruf. Libra hatte das Potential, die Geldpolitik der Zentralbanken zu marginalisieren und deren Macht und Einfluss in die Hände eines privaten Konsortiums zu verschieben. Das hat mit Sicherheit Druck aufgebaut, sich zügiger mit den Möglichkeiten eines digitalen Euros zu beschäftigen.

Claus George
Claus George Bild: DZ BANK

Claus George: Libra hat auf jeden Fall eine Diskussion in den Zentralbanken angeschoben. Wegen der Marktmacht von Facebook und der anderen beteiligten Konzerne war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Libra auf eine sehr breite Akzeptanz in der Bevölkerung gestoßen wäre. Wäre das Projekt nicht durch die Bedenken der Regulatoren gestoppt worden, hätte es durchaus funktionieren können.

Die People‘s Bank of China beschäftigt sich schon seit 2014 mit dem Thema und testet den digitalen Yuan bereits in einigen chinesischen Städten. Auch Schweden ist mit der Entwicklung der digitalen Krone bereits weit vorangeschritten. Lässt sich die Eurozone zu lange Zeit?

Claus George: Nein, das finde ich nicht. Im Euroraum droht in den nächsten Jahren keine Entwicklung wie derzeit in Schweden, wo ein Ende des Bargelds seit einiger Zeit öffentlich diskutiert wird. Die EZB betont stets, dass sie keinen Grund habe, die Entwicklung eines digitalen Euros zu überstürzen. Schließlich gibt es in Europa kein Kontrollinteresse wie in China. Die EZB tut gut daran, sich die Zeit zu nehmen, um sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Zudem wird bei der EZB bereits massiv an dem Thema gearbeitet. Am Ende müssen wir nicht die Ersten mit einer digitalen Zentralbankwährung sein, sondern wir sollten die mit der besten Zentralbankwährung sein.

Wenn jede Person und jedes Unternehmen direkten Zugang zu digitalem Zentralbankgeld hat und dieses beliebig transferieren kann, wird das Konto bei einer Geschäftsbank dann nicht überflüssig?

Sören Hettler: Wird der digitale Euro so designt, dass er eine direkte Konkurrenz zum Giralgeld der Geschäftsbanken darstellt, könnte dies einen erheblichen Abzug an Kundeneinlagen von den Finanzinstituten nach sich ziehen. Die Refinanzierungssituation der Geschäftsbanken würde sich verschlechtern und hätte zur Folge, dass sich die Kreditvergabe für die Volkswirtschaft verringern oder verteuern würde. Zudem besteht das Risiko, dass durch die Einführung eines digitalen Euros Finanzkrisen häufiger auftreten und intensiver ausfallen. Dies gilt vor allem, wenn Bürgerinnen und Bürger per Mausklick oder Wischgeste die Möglichkeit haben, Einlagen bei den Geschäftsbanken in nennenswertem Umfang abzuziehen. Da die Finanzstabilität jedoch zu den übergeordneten Zielen der EZB gehört, wird sie eine solche Entwicklung nach Möglichkeit vermeiden wollen. Auch hat die Europäische Zentralbank sicher kein Interesse daran, zusätzliche Kredit- und Reputationsrisiken in ihrer Bilanz anzuhäufen oder sich irgendwann direkt mit 300 bis 400 Millionen Privat- und Geschäftskunden auseinanderzusetzen. Das gehört nicht zu ihrem Auftrag.

Welche Rolle kommt in Zukunft den Geschäftsbanken zu?

Claus George: Wir als Geschäftsbanken müssen natürlich ebenfalls mit der Zeit gehen und das heutige Giralgeld modernisieren. Unser Anspruch muss es sein, ein Giralgeld 2.0 zu entwickeln, das im Zusammenspiel mit der Distributed-Ledger-Technologie und für neue Geschäftsmodelle nutzbar ist. Das Giralgeld 2.0 und ein digitaler Euro sollten aufeinander abgestimmt werden. Die Aufgabe, innovative Lösungen für den Zahlungsverkehr zu entwickeln, sehe ich aber eindeutig aufseiten der Privatwirtschaft.

Noch wurde nicht darüber entschieden, was der digitale Euro konkret können soll. Welche grundlegenden Eigenschaften werden diskutiert?

Sören Hettler: Der digitale Euro sollte möglichst die wesentlichen Funktionen von Scheinen und Münzen erfüllen. Denn die EZB hat die Aufgabe, allen Bürgern den einfachen und preisgünstigen Zugang zu einer risikolosen und überall in der EWU einsetzbaren Geldform zu gewährleisten. Ein neues, digitales Zentralbankgeld muss barrierefrei, also zum Beispiel auch für Menschen mit einer eingeschränkten Sehkraft, nutzbar sein. Selbst bei einem Stromausfall muss die Geldform weiter als Zahlungsmittel funktionieren. Damit hat die EZB grundsätzlich erst mal andere Ansprüche an den digitalen Euro als die meisten Nutzer, für die es an der Kasse in erster Linie bequem, schnell und günstig sein muss. Es ist aber auch gar nicht nötig, dass eine digitale Zentralbankwährung eine hohe Marktdurchdringung aufweist. Entscheidend ist eine hohe Akzeptanz und dass im Falle einer Krisensituation jeder weiß, wie und vor allem dass der digitale Euro funktioniert. Für die Bequemlichkeit im Alltag kann hingegen ein neues Giralgeld sorgen. Der Wirtschaftskreislauf bietet durchaus – wie bisher auch – genug Raum für mehrere Geldformen.

Bargeld gewährleistet dem Nutzer Anonymität und eine gewisse Privatsphäre. Lassen sich diese Eigenschaften auch auf den digitalen Euro übertragen?

Claus George: Technisch lässt sich das sicher umsetzen, und die öffentlichen Konsultationen zum digitalen Euro haben gezeigt, dass der Schutz der Privatsphäre für die Bürger ein Thema mit sehr hohem Stellenwert ist. Dem gegenüber steht das Ziel der Prävention von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, weshalb Banken heute nach dem Know-your-Customer-Prinzip dazu verpflichtet sind, personen- und geschäftsbezogene Daten ihrer Kunden zu erfassen. Die Identifikation von Kunden und Kontoinhabern ist das eine. Dies bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass Details jeder Transaktion der Konsumenten aufgezeichnet und nachgehalten werden sollten. Bis zu einem gewissen Grad bzw. einem bestimmten Betrag ist der Wunsch der Bürgerinnen und Bürger nach anonymen Zahlungen durchaus nachvollziehbar und vertretbar. Dabei stellt sich die Frage, ob für den Schutz der Privatsphäre eine vollständige Anonymität notwendig ist. Vollständige Anonymität bedeutet, dass zu keinem Zeitpunkt die rechtliche Identität von Nutzern festgestellt werden kann. Denkbar wäre eine selektive Privatsphäre. Dabei wird ein Anwender zwar identifiziert, die jeweiligen Transaktionsdaten werden aber nicht mit allen am Zahlungsprozess beteiligten Akteuren geteilt und zeitnah wieder gelöscht. Die direkte und anonyme Übertragung kleinerer Beträge von bis zu 100 Euro wird mittlerweile sogar von EZB-Vertretern in die Diskussion eingebracht. Am Ende ist das aber nicht nur eine geldpolitische, sondern eine gesellschaftspolitische Diskussion.

Welche Vorteile könnte ein digitaler Euro für die europäische Wirtschaft und insbesondere die Unternehmen bringen?

Claus George: Digitales Zentralbankgeld ließe sich sicher so konstruieren, dass es direkt für Anwendungen der Distributed-Ledger-Technologie und für neue Geschäftsmodelle nutzbar ist. Damit würde die EZB allerdings die bewährte Aufgabenteilung zwischen Zentralbanken und Geschäftsbanken infrage stellen. Schließlich könnten Letztere in einer direkten Konkurrenzsituation mit der Notenbank nicht bestehen. Eine wesentliche Aufgabe der Geschäftsbanken, nämlich die Volkswirtschaft angemessen mit Krediten zu versorgen, müsste dann von der Zentralbank übernommen werden. Zugunsten des übergeordneten Ziels der Finanzstabilität steht die EZB damit vor der schwierigen Aufgabe einer angemessenen Selbstbeschränkung – die natürlich auch im Interesse der Geschäftsbanken wäre.

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