Foto: Ulf von Rauchhaupt

Pfade zum Träumen

Von ULF VON RAUCHHAUPT
Foto: Ulf von Rauchhaupt

21. März 2021 · Weg der zwei Geschwindigkeiten: Auf dem Paparoa-Track kann man Regenwald und alpine Heide an der neuseeländischen Westküste durchstreifen.

Give way to walkers – Fußgänger haben Vortritt. Wirklich beruhigend ist es nicht, dass hier ein blaues Schild an unsere Rechte erinnern muss. Farblich passt die Blechtafel auch nicht, weder zu dem satten Grün der Vegetation, noch zu dem hellen Schotterpfad vor uns, ganz zu schweigen von dem glänzenden Schwarz, an dem wir gerade vorbeikamen: ein leibhaftiger Kohleflöz der dort unter Wurzelwerk und bröckelndem Sandstein schräg aus dem Boden wächst.

Worauf haben wir uns hier nur eingelassen! Den Paparoa-Track, der einige hundert Meter hinter uns an dem „Smoke-ho“-Parkplatz beginnt und 55 Kilometer über ein neuseeländisches Mittelgebirge führt, sollen sich Wanderer und Mountainbiker teilen. Damit haben wir in Taunus oder Harz nicht die besten Erfahrungen gemacht, dabei sind dort beiden Gruppen getrennte Wegenetze zugewiesen, die sich nur gelegentlich kreuzen.

Aufgefaltetes Erdaltertum: Auf dem Grat der Paparoa Range
Aufgefaltetes Erdaltertum: Auf dem Grat der Paparoa Range Foto: Ulf von Rauchhaupt


Das wäre hier schon baulich nicht umzusetzen. Der neue Fernwanderweg, der zehnte der „Great Walks of New Zealand“, führt über die Paparoa-Range, eine veritable Wildnis oberhalb der Westküste der Südinsel. Im Jahr 1883 bezeichnete ein hiesiger Straßenaufseher die Gegend als „eine der rauesten, in der je Menschen unterwegs waren“. Zuvor war hier Gold gefunden worden, doch das von engen Tälern durchschnittene und in den tieferen Lagen vom Regenwald überwucherte Gebirge ist ein wegebautechnischer Alptraum. Unter dem Gewirr aus Farn und bis in die Kronen bemoosten Bäumen lagert tückisches Gestein. In Grauwacken aus dem Erdaltertum ist in der Kreidezeit Magma eingedrungen und zu Granit erstarrt. Der aber ist reich an Glimmer und zerbröselt schnell in der Feuchtigkeit, die an dem Gebirge abregnet. 

Karte: F.A.Z.
Geologie und Klima haben aber nicht erst viktorianischen Glücksrittern buchstäblich Steine in den Weg gelegt. Auch den Māori war dieses Land abseits der Küste zu unwegsam. Schon vor Ankunft der Europäer hatten Menschen die Hälfte der Wälder gerodet, die Neuseeland einst bedeckten – hier aber blieben in einem Ausmaß wie nirgends sonst auf der Südinsel die Bäume stehen. Te Wao Nui, der große Wald, ist auch für Māori eine mythische Größe.

Einen Weg über die Paparoa Range zu bahnen ist schwierig geblieben, und sei es nur ein Wanderweg. Während die drei Hütten des Paparoa-Tracks Anfang 2019 fertig waren, verzögerte ein Bergsturz die Eröffnung des Weges bis zum 1. März 2020 – neun Tage, vor unserem Aufbruch. Phil Lemmon hatte da bereits eine bedenkliche Statistik beisammen. „Der Track ist sehr beliebt bei Bikern“, erzählt er. „Mehr als bei gewöhnlichen Wanderern.“ Phil hat den Überblick, denn er betreibt zusammen mit seiner Partnerin Cynthia Robins das „Blackball Hilton“, die nächstgelegene Herberge. Das urige Gasthaus wurde 1910 erbaut und hat bis heute keine Bäder in den Zimmern. Mit der zufällig gleichnamigen Hotelkette hat es nichts zu tun, wurde von dieser aber trotzdem juristisch behelligt. Seither ist dem Schild über dem Eingang ein kleines „Formerly“ angefügt.

Seit der Öffnung des Paparoa-Tacks haben Phil und Cynthia also vor allem Radfahrer beherbergt. Heute Morgen ist wieder eine Gruppe aufgebrochen, weswegen wir uns schön Zeit gelassen haben. Dabei sind wir für den Abend in der Moonlight Tops Hut eingebucht, der zweiten der drei Hütten. Bis dahin sind es gut 20 Kilometer – die Hälfte davon bergauf durch den Regenwald, die andere dann als Höhenweg oberhalb der Baumgrenze. Acht Stunden Marsch sind das, den Abstecher zur „Garden Gully Battery“, zu dem Cynthia dringend rät, noch gar nicht eingerechnet. Aber Hauptsache keine von hinten heranrasende Radler im Rücken.
Auch keine Flügel: ein Weka (Gallirallus australis)
Auch keine Flügel: ein Weka (Gallirallus australis) Foto: Ulf von Rauchhaupt

Denn bis zur ersten Hütte, der Ces Clark, geht es trotz der 600 bis dahin zu überwindenden Höhenmeter zuweilen auch bergab und auf fahrradgerechten Hängebrücken über gurgelnde Bäche. Der Pfad ist allerdings „very technical“, wie es auf Bikerenglisch heißt: eher etwas für Fortgeschrittene. Umso größer unsere Furcht, so ein Profi könnte uns auf dem an Hängen entlangführenden Pfad hinter einer Kurve erwischen. Eine Stunde nach Abmarsch war zwar noch immer keiner zu sehen, aber wir bleiben auf der Hut. Nachzügler, die Mittags starten, könnten es heute noch bis zur zweiten oder sogar dritten Hütte schaffen. Es gibt sogar welche, die fahren die gesamtes Strecke vom Smoke-ho bis zum Meer an einem Tag. Andererseits kann man sich als Fußgänger noch mehr Zeit lassen als wir und die Strecke in vier Tagen laufen.

So wie die Besitzerinnen der drei Rucksäcke, die an der Abzweigung zur „Garden Gully Battery“ im Moos liegen. Ein hühnergroßer Vogel macht sich daran zu schaffen. Es ist ein Vertreter einer Rallenart mit spitzen Schnabel, von den Māori „Weka“ genannt und berüchtigt für seine Neugier und Neigung zum Diebstahl. Da nehmen wir unser Gepäck lieber mit auf den Seitenpfad.

Relikte des Goldrauschs: Die Überreste der „Garden Gully Battery“ von 1905
Relikte des Goldrauschs: Die Überreste der „Garden Gully Battery“ von 1905 Foto: Ulf von Rauchhaupt

Der Abstecher ist herrlich – und nicht nur, weil der von reißenden Bächen unterbrochene Waldweg nichts für Radfahrer ist. Er endet in einem kleinen Tal voller Farngebüsch, in dem Maschinenteile vor sich hin rosten. Um 1905 herum hat man hier mit Wasserkraft goldhaltige Quarzbrocken zerstampft, die mit einer anderthalb Kilometer langen Seilbahn von den Abbauplätzen jenseits der Baumgrenze herab gelassen wurden. Der Quarzgries wurde dann mit Quecksilber traktiert – doch die Natur hat es weggesteckt, der Ort ist zauberhaft. Ausgerechnet hier also begegnen uns die ersten Menschen. Die drei Australierinnen hatten sich zuvor an der von uns noch nicht besuchten Goldsucherhütte aufgehalten. Das wäre hier der schönere Ort für die Mittagspause gewesen, sagt eine.

Dann erzählen wir ihnen von dem Weka an ihren Rücksäcken – und sofort sind wir wieder allein.

Zurück an der Hauptstecke führt der Aufstieg durch immer lichteren, immer weniger bemoosten Wald, der schließlich einer Heidelandschaft weicht. Weiter kann der Blick nun über die flauschig grünen Täler schweifen und genau dort, wo die Serpentinen in den Höhenweg übergehen, steht die Ces Clark Hut. Erst hier, auf der Aussichtsterrasse vor der Hütte, begegnen wir zum ersten Mal einem Radfahrer. Der Neuseeländer von der Spitze der Nordinsel hat erst kürzlich von der Eröffnung des Tracks erfahren. „Eigentlich wollte ich heute bis zur Moonlight Tops, aber da war nichts mehr frei“, erzählt er. Morgen will er den ganzen Rest des Weges bis zum Meer radeln. „Ich habe ja den ganzen Tag.“ Vor allem aber hat er den im engeren Sinne sportlichen Teil schon hinter sich. Was jetzt kommt, dürfte purer Spaß sein: Zehn Kilometer auf mehr oder weniger konstanter Höhe von tausend Meter über dem Ozean, den man von der Ferne schimmern sieht.

Hoher Mittag im „Waterfall Chreek“
Hoher Mittag im „Waterfall Chreek“ Foto: Ulf von Rauchhaupt


Schon zu Fuß ist es ein Wandern wie ein Rausch. Zwar gibt es hier oben keine Farn- und Moosidyllen mehr, dafür enorme Blicke über das Land. Oft führt der Pfad genau auf den Grat des Gebirges entlang. Links und rechts geht es abwärts, mitunter so steil, dass man anfängt, sich um die Biker Sorgen zu machen, die hier mühelos Tempo vorlegen können. Das muss ein Gefühl sein wie auf einer Achterbahn, denken wir und beginnen uns jetzt doch tatsächlich zu wünschen, selbst mit dem Rad unterwegs zu sein. Außer vielleicht in den Momenten, in denen wieder eine Wolke von der Tasmansee heran treibt und einen für Minuten in dämmrigen Nebel hüllt.

Bei Sonnenuntergang erreichen wir die Moonlight Tops Hut. Die nagelneue Hütte ist gut gefüllt, so nehmen wir das Abendessen draußen ein, während aus den Wäldern unten ein schrilles Pfeifen heraufdringt: die weittragenden Rufe eines Kiwi-Männchens.

Genau 24 Stunden später sitzen wir vor der baugleichen Pororari Hut. Die Sonne ist soeben spektakulär im fernen Meer versunken und hat von jenseits des Horizonts eine Wolkenbank angezündet, die nun orange und lachsrosa vor dem Purpur der Dämmerung verglimmt. 

Von ferne glüht die Tasmansee: Sonnenuntergang vor der Pororari Hut
Von ferne glüht die Tasmansee: Sonnenuntergang vor der Pororari Hut Foto: Ulf von Rauchhaupt


Es ist nicht einfach, die Eindrücke des Tages zu sortieren. Die Pororai Hut liegt etwas tiefer als die Moonlight Tops, wieder in der Zone der Mooswälder und Farnhaine, doch bis zum Mittag herrschten noch alpinen Szenen vor. Im Osten meinten wir den Eingang zur Pike-River-Mine zu erkennen, Schauplatz des schlimmsten Minenunglücks Neuseelands in hundert Jahren. Im November 2010 wurden dort 29 Bergleute durch eine Methanexplosion verschüttet und konnten nie geborgen werden. Zu ihrem Gedenken soll bald ein neuer Wanderpfad vom Paparoa-Track zur Mine abzweigen. Die Kohle hier ist eine besonders reine, in der Stahlindustrie sehr begehrte Sorte. Doch seit dem Pike River Desaster ist das einst größte Kohlebergwerk Neuseelands geschlossen. In Blackball, das die ehemalige Hauptverdienstquelle seiner Einwohner im Namen führt, gibt es nun noch eine Salamifabrik – und den Paparoa-Track.

Massentourismus aber ist das hier keiner. Sehr viel mehr Leute als in die drei früh ausgebuchten Hütten passen, können hier oben nicht unterwegs sein. Tatsächlich sind wir heute stundenlang nicht einer Seele begegnet – und die wenigen Mountainbiker bremsten freundlich bevor man sie überhaupt wahrnahm.

Der Pororari River kurz vor seiner Mündung ins Meer
Der Pororari River kurz vor seiner Mündung ins Meer Foto: Ulf von Rauchhaupt


Das tiefentspannte Wandern setzt sich am letzten Tag fort. Das Moos wird mit dem Abstieg immer dicker, die Baumfarne größer und dichter, bis der Weg den Pororari River erreicht und von nun an zumeist dem Lauf des Urwaldflusses folgt. Die ersten Exemplare der formschönen Nikau-Palmen künden von der nahen Küste, da gabelt sich auf einmal der Weg. Radfahrer müssen nun nach Südwesten abbiegen, während wir weiter den Pororari entlanglaufen dürfen, der sich in den letzten Kilometern grandios durch eine Kalksteinformation schneidet. Die steil über dem Fluss aufragenden Felswände sind schneeweiß, wo nicht der Palmendschungel sie überwuchert. Die letzten unfreundlichen Gefühle gegen unsere zweirädrigen Weggenossen – zuletzt war es nur der Neid auf ihr lässiges Herabrollen - verdampfen in der Wärme des spätsommerlichen Mittags.

Die „Pancake Rocks“, die man nach getaner Wanderung an der Küste besichtigen kann.
Die „Pancake Rocks“, die man nach getaner Wanderung an der Küste besichtigen kann. Foto: Mauritius


Am Meer in Punakaiki haben wir zum ersten Mal seit drei Tagen wieder Netzempfang. Und augenblicklich wünschen wir uns zurück in den Farndschungel: Am Vortag, so erfahren wir, wurde Covid-19 zur weltweiten Pandemie erklärt. Vier Tage später bekommen wir einen der letzten Flüge nach Hause und zehn Tage später schließt die neuseeländische Regierung die Hütten des Paparoa-Tracks. Inzwischen sind sie wieder auf, aber nur für jene, die im Land wohnen.

Nach Neuseeland

Covid-19
Touristische Reisen nach Neuseeland sind aufgrund der Pandemie noch nicht möglich. Aktuelle Informationen unter immigration.govt.nz/about-us/covid-19.

Wandern
Wenn man wieder einreisen kann, lassen sich die Hütten des Paparoa Track online buchen: www.doc.govt.nz (unter „Paparoa“ suchen). Der Track ist ganzjährig geöffnet, das Wetter aber am günstigsten von Oktober bis März. Am besten man startet in Blackball (blackballhilton.co.nz/) und plant nach der Wanderung noch viel Zeit an der Küste nördlich von Greymouth ein, die eine der schönsten Neuseelands ist. Zumindest die Pancake Rocks, ein Stück Felsküste nahe Punakaiki, sind den Besuch wert.

Weitere Informationen
gibt es unter newzealand.com



Nächstes Kapitel:

Kein Virus, keine Touristen


Foto: Picture-Alliance

Kein Virus, keine Touristen

Von ANKE RICHTER
Foto: Picture-Alliance

Vor einem Jahr hat Neuseeland die Grenze geschlossen. Seither fehlen vier Millionen internationale Besucher. Das hat ganze Orte ruiniert.

Franz Josef war nicht nur ein großer Kaiser, sondern auch ein kleiner Ferienort. Beide sind tot. Der gleichnamige Gletscher an der Westküste Neuseelands zog jeden Südhalbkugel-Sommer Tausende Besucher an – bis Premierministerin Jacinda Ardern in einem radikalen Schritt die Inselgrenzen schloss, um ihr Land vor der Pandemie zu schützen. Das ist ihr gelungen. Mit nur 26 Covid-Toten und einem Leben fast ohne Lockdowns steht das Land international gut da. Doch dafür liegt der größte Wirtschaftszweig am Boden: der Tourismus.

Die Menschen in „Franz“ betreiben Motels, Cafés und Hubschrauber. Ihre größte Sorge war bisher die Klimaerwärmung, die ihre Sehenswürdigkeit aus Eis schrumpfen lässt. Zum Gletscher, auch dem benachbarten Fox Glacier, kommt man nur noch aus der Luft und nicht mehr zu Fuß. Ein Jahr nach der Grenzschließung stehen sie vor dem Ruin. Das Touristennest im tiefen Süden, bei Backpackern genauso beliebt wie bei chinesischen Busreisenden, ist eine der am schlimmsten betroffenen Sehenswürdigkeiten Neuseelands – und ein Geisterdorf. Zwei Hotels und zwei Motels mussten schließen. Die Einwohnerzahl schrumpfte von 1000 auf rund 350, weil Saisonkräfte fehlen. „Es ist eine schreckliche Situation“, sagt Logan Skinner, dessen Campingplatz diese Saison meist leer stand. „Die Leute verlassen uns.“

In normalen Zeiten ist der Lake Matheson unterhalb des Fox Glaciers vom Ort Franz aus  ein attraktives Ausflugsziel - nun gleicht Franz Josef einem Geisterort.
In normalen Zeiten ist der Lake Matheson unterhalb des Fox Glaciers vom Ort Franz aus ein attraktives Ausflugsziel - nun gleicht Franz Josef einem Geisterort. Foto: Picture-Alliance


3,88 Millionen Reisende besuchten bis 2020 jährlich Aotearoa, das „Land der langen weißen Wolke“ – nur eine Million weniger, als es Einwohner hat. Tourismus war seit Jahrzehnten das größte Geschäft im Lande. 29 internationale Fluglinien steuerten Auckland, Wellington oder Christchurch an. Jetzt sind es sechs. Statt 800 Flügen pro Woche landen im Schnitt unter 50, und auf keinem davon befinden sich Urlauber. Einreisen dürfen Ausländer nur mit einer Sondergenehmigung als „essential workers“, zum Beispiel die Hollywood-Besetzung des neuen „Avatar“-Films oder 1000 Gäste für den America’s Cup im März. Wie alle zurückkehrenden Kiwis müssen sie zwei Wochen in streng isolierter Hotel-Quarantäne verbringen. Die einstigen Bettenburgen sind umfunktioniert worden. 

Kreuzfahrtschiffe, die 2019 noch 570 Millionen Dollar ins Land brachten, können bis in eine unbestimmte Zukunft auch nicht mehr anlegen. Nicht nur ihr Markt, auch ihr Image ist ramponiert, nachdem die „Ruby Princess“ im März 2020 einen Corona-Ausbruch an Bord hatte, der sich als Cluster an Land zu 650 Fällen und 21 Toten ausweitete. Im Hafen von Christchurch sollte im Oktober ein neues Dock für Kreuzfahrtschiffe eröffnet werden. Das ist genauso verwaist wie die Touristenattraktionen Hobbiton auf der Nordinsel oder Bungy-Stationen nahe Queenstown. 

Das Kreuzfahrtschiff „Ruby Princess“ hatte im März 2020 einen Corona-Ausbruch an Bord, der sich als Cluster an Land zu 650 Fällen und 21 Toten ausweitete.
Das Kreuzfahrtschiff „Ruby Princess“ hatte im März 2020 einen Corona-Ausbruch an Bord, der sich als Cluster an Land zu 650 Fällen und 21 Toten ausweitete. Foto: Picture-Alliance

Das boomende Outdoor-Mekka der Südalpen, bei australischen Wintersportlern beliebt und im Sommer von Japanern überlaufen, hat wie keine andere Stadt Neuseelands gelitten. In der Hochsaison sind normalerweise doppelt so viele Besucher wie Einwohner in der Adrenalin-Hochburg. Besonders hart traf es die „migrant workers“ – eingewandertes Hotel- und Gastronomie-Personal, von heute auf morgen arbeits- und obdachlos. Queenstowns Bürger versorgten sie mit Care-Paketen und sprachen von einer „Flüchtlingskrise“. Die Regierung musste der Region finanziell unter die Arme greifen und startete eine Kampagne, um mehr urbane Kiwis in die Berge zu locken.

40 Prozent der ausländischen Touristen kamen bisher aus Australien. Da der Nachbarstaat Covid ähnlich erfolgreich bekämpft wie Neuseeland, sollte es bereits vor Monaten eine „border bubble“ ohne Zwangsquarantäne zwischen den beiden Ländern geben. Doch dann gab es Ausbrüche, in Melbourne wie in Auckland. Die Pläne liegen vorerst auf Eis. Im vergangenen Winter hatten auf der gesamten Südinsel nur vier der großen Skigebiete geöffnet – neben den Gästen fehlte auch der Schnee.

Christian Schott, Dozent für nachhaltigen Tourismus an der Victoria- Universität in Wellington, schätzt, dass vor den Touristen zuerst internationale Studenten ins Land gelassen werden, die ebenso Geld bringen, aber die Quarantäne auf sich nehmen. Vor Ende 2021 oder Anfang 2022 wird es nach seiner und der Meinung anderer Experten trotz Impfungen keine Grenzöffnung geben. „Die Gesundheit der Neuseeländer wie auch der Touristen steht ganz klar an erster Stelle“, lautet sein Fazit. Umso mehr muss der Binnentourismus, der bisher 60 Prozent der 41 Milliarden Dollar Umsatz ausmachte, angekurbelt werden.

„Die Kiwis entdecken jetzt ihr eigenes Land wieder, und das ist hochinter-essant“, sagt Schott. Er sieht die Covid-bedingte Zwangspause nicht nur als einmalige Chance, um sich für die Schönheit vor der eigenen Haustür zu begeistern – sondern um den Tourismus nachhaltig regenerativ umzustellen: umweltfreundlicher, sozialer und stärker im Einklang mit der Maori-Kultur. Ein Mittel könnte die erhöhte „departure tax“, also klimawandelbezogene Abflugsteuer sein – oder eine Begrenzung der Urlauberzahlen: „Qualität vor Quantität“. Im April wird er darüber im Parlament sprechen.

Auch die Region rund um Queenstown, dem boomenden Outdoor-Mekka, hat es hart getroffen: eingewandertes Hotel- und Gastronomie-Personal wurde von heute auf morgen arbeits- und obdachlos. Und selbst die Caravan-Touristen (wie hier am Lake Moke) bleiben aus.
Auch die Region rund um Queenstown, dem boomenden Outdoor-Mekka, hat es hart getroffen: eingewandertes Hotel- und Gastronomie-Personal wurde von heute auf morgen arbeits- und obdachlos. Und selbst die Caravan-Touristen (wie hier am Lake Moke) bleiben aus. Foto: Picture-Alliance


Viele Gemeinden, die nicht wie Ro­torua oder Queenstown vom Massentourismus leben, jammerten in der Vergangenheit über den zunehmenden Ansturm von Backpackern und Gruppenreisenden. „Jetzt wissen sie, wie es ist, wenn sie zu wenige haben“, schrieb die „Sunday Star Times“, mehr mitfühlend als hämisch. „Be careful what you wish for.“ Das Reportagemagazin „North & South“ betitelte seine erste Ausgabe nach dem Lockdown vergangenes Jahr mit „Are we better off on our own?” – Fahren wir allein besser? Mehr eine philosophische als eine ökonomische Frage.

Die meisten der rund 20 000 Tourismusunternehmen sind kleine Familienbetriebe, so wie Ros Gouldings 1994 gegründete Firma „Deep Canyon“ in Wanaka. Ihre Arbeit ist von sieben Wildnis-Touren am Tag auf eine pro Woche geschrumpft. Im Gegensatz zu den großen Unternehmen wie AJ Hackett Bungy hat sie nicht von der Finanzspritze der Regierung profitiert. Ihre „guides“ hat sie entlassen. „Ich muss aber noch immer Abgaben und Unkosten zahlen“, sagt sie. „Es ist verdammt hart. Aber allen geht es so.“ 

Die 55-Jährige hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser – und beginnt gerade einen fünfwöchigen Online-Workshop der Tourismusbehörde. Der ist nicht zum professionellen Umlernen für die neuen Arbeitslosen gedacht, sondern zum Nachdenken. „Wir müssen uns alle fragen, wie wichtig uns Reisen ist und was wir unter Urlaub verstehen. Vielleicht ist es besser, länger an einem Ort zu bleiben und sich langsamer fortzubewegen?“

Dazu gehören zum Beispiel die Filmcrews, die nach wie vor ins Land gelassen werden – mehr als je zuvor. Vor der Pandemie fanden parallel zwei bis drei große Produktionen wie „Der Herr der Ringe“ statt. Die Nachfrage ist seit vergangenem Jahr gestiegen, denn nicht nur dank seines Naturpanoramas gilt Neuseeland als perfekter Drehort: Bei Level 1 und 2, was mit wenigen Ausnahmen für das ganze Land gilt, müssen keine Masken getragen und Sicherheitsabstände eingehalten werden. Seit Covid sei es ein „blühender Sektor“, so die New Zealand Film Commission. Die jährlichen Umsätze übertreffen jetzt die des Tourismus – und Filmarbeiter und Schauspieler füllen die leeren Unterkünfte in Queenstown.


24.03.2021
Quelle: F.A.S.