Sehnsuchtsort Lesesaal

Von HANNAH BETHKE, Fotos ANDREAS PEIN

28. Februar 2021 · Die Sanierung der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden ist endlich vollendet – noch aber bleiben die Pforten geschlossen. Die Besucher erwartet Großes.

Wer diese Bibliothek betritt, wird sehnsüchtig. Schon am weitläufigen Eingangsportal, hinter dem eine breite Treppe zur Rezeption führt, beginnt eine andere Welt. Alles hier ist hell. Die hohen Gänge sind lichtdurchflutet, Böden und Wände weitgehend weiß gehalten, der Blick in den Innenhof führt durch dreizehn Etagen. Es ist eine sanfte Einstimmung auf das vertraute und zugleich neue Gefühl, das einen in den Lesesälen erwartet.

Jeder Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden ist mit einem orangefarbenen Teppich ausgelegt, der mit den gleichfarbigen Kautschukarbeitsflächen auf den dunkelbraunen Tischen sowie den orangen Stuhlsesseln korrespondiert, die nicht nur elegant aussehen, sondern ausgesprochen bequem sind. Der Farbton hat eine zutiefst beruhigende, fast schon therapeutische Wirkung. Er fügt sich erstaunlich harmonisch ins braune Furnier der Tische und Regale; dem farblichen Zusammenspiel haftet nichts Altbackenes an, es verspricht im Gegenteil den Aufbruch in etwas Neues. Die Lichtkissen an den Decken, die mit abgerundeten Ecken schlicht geformt in verschiedenen Größen das Haus durchziehen, spenden helles, aber nicht zu kaltes Licht. Jeder Einzelplatz verfügt zudem über eine schwenkbare Arbeitsleuchte.

Blick in den Allgemeinen Lesesaal mit Kunst am Bau: „Noch Fragen?“ von Olaf Metzel
Blick in den Allgemeinen Lesesaal mit Kunst am Bau: „Noch Fragen?“ von Olaf Metzel
Alles ist hell: Treppenhaus mit Oberlicht
Alles ist hell: Treppenhaus mit Oberlicht
Der Blick in den Innenhof führt durch dreizehn Etagen.
Der Blick in den Innenhof führt durch dreizehn Etagen.

Hinter dieser überzeugenden Anordnung steckt das Architekturbüro HG Merz, das vor mehr als zwanzig Jahren den Architekturwettbewerb zur Sanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden gewonnen hat. 2005 begann die Grundinstandsetzung und Modernisierung des nördlichen Gebäudeteils, sieben Jahre später war sie abgeschlossen. Es brauchte weitere acht Jahre, ehe auch die Sanierungsarbeiten im südlichen Gebäudeteil abgeschlossen waren. 470 Millionen Euro hat der Umbau gekostet – und nun kann die Bibliothek aufgrund der Corona-Verordnung nicht öffnen. Zwar darf man seit dieser Woche in Berlin wieder Bücher ausleihen, die Lesesäle aber sind weiterhin verschlossen.

Es ist sogar erlaubt, zu reden

Insgesamt verfügt die Staatsbibliothek zu Berlin über mehr als 33 Millionen Einheiten, darunter zwölf Millionen Bücher. Der Standort Unter den Linden ist bekannt für seine umfangreichen historischen Sammlungen, zu denen etwa der Kurfürstenatlas und Musik-Handschriften gehören; eine Ausleihe dieser Preziosen ist naturgemäß nicht möglich. Aber auch die schönen Säle, in denen sie eingesehen werden können, bleiben vorerst ungenutzt: der Kartenlesesaal mit rund sechshundert Globen; der Handschriftenlesesaal mit restaurierten Tischen aus dem alten Bestand; die Überbleibsel des Kuppellesesaals, an dessen Wand eine restaurierte Uhr hängt. Leer bleibt auch der große, zentrale Lesesaal, der an der Decke mit Kunst am Bau von Olaf Metzel geschmückt ist – einer Skulptur, die zerknülltes Zeitungspapier darstellt und aus 1,8 Tonnen schweren, beidseitig bedruckten Aluminiumplatten besteht.

Analog viel schöner als in digitaler Form: Systematischer Katalog
Analog viel schöner als in digitaler Form: Systematischer Katalog
Im Kartenlesesaal stehen einige der rund sechshundert Globen.
Im Kartenlesesaal stehen einige der rund sechshundert Globen.

Eine besondere Innovation sind die Gruppenarbeitsräume am Informationszentrum, wo sich früher der systematische Katalog befand. Hinter schraffierten Glaswänden und dicken Türen können Gruppen von jeweils bis zu sechs Personen arbeiten und sprechen, ohne andere zu stören. Die sonst geltende strikte Ruheordnung ist auch im benachbarten Lesesaal aufgehoben; hier ist es ausdrücklich erlaubt, zu reden. Man wolle mit diesen Neuerungen dem Bedarf der jüngeren Nutzergeneration entsprechen, erläutert Martin Hollender, Referent in der Staatsbibliothek. Er zeigt sich allerdings skeptisch, ob alle Besucher zurückkommen werden, die sich nun schon so lange an digitale Formate gewöhnt hätten.

Restaurierte alte Lesesaaluhr
Restaurierte alte Lesesaaluhr
Adolf von Harnack (1851-1930) war der erste Generaldirektor der Königlichen Bibliothek, der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin. Nach ihm ist dieser Saal benannt.
Adolf von Harnack (1851-1930) war der erste Generaldirektor der Königlichen Bibliothek, der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin. Nach ihm ist dieser Saal benannt.

Die Entwicklung der Nutzerzahlen vor der Pandemie nährt diese Sorge allerdings nicht. Nach Auskunft einer Sprecherin zählte die Staatsbibliothek an den geöffneten Standorten vor der Pandemie knapp dreitausend Besucher pro Tag. Das Bedürfnis nach Begegnung und Austausch in anregend-konzentrierter Atmosphäre ist mit der fortschreitenden Digitalisierung offenbar nicht geringer geworden. Vielleicht war die Sehnsucht, zum vertieften Lesen und zum gemeinsamen Nachdenken einen öffentlichen Raum aufzusuchen, sogar noch nie so groß wie jetzt.


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