Hierher ins Revier!

Von ALEX WESTHOFF

23. Mai 2021 · Zwischen Melancholie, Nostalgie und dem prallen Leben: Die magischen Fußballorte des Ruhrgebiets sollen nun auch Attraktionen für Touristen werden.

Es ist eines der berühmtesten Bonmots der deutschen Fußballgeschichte: „Ich verwarne Ihnen“, sagte der Schiri 1965 in einem Spiel zum unvergesslichen Willi „Ente“ Lippens. Dieser entgegnete: „Ich danke Sie“ – und sah dafür die Rote Karte. Wo sich diese legendäre Szene abgespielt hat? In Herne, im Stadion am Schloss Strünkede, noch immer die Heimstatt von Westfalia Herne aus der fünftklassigen Oberliga. Aus dem opulenten Fassungsvermögen von 32 000 Zuschauern spricht eine andere, eine bessere Zeit.

An Ruhrgebiet-Fußballorten wie diesen ist Melancholie oft nur einen Kurzpass von Nostalgie entfernt. Und nur eine halbe Autostunde weiter kann schon wieder das pralle Fußballleben herrschen. In Dortmund etwa, wo vor der Pandemie auf der Südtribüne 25 000 Borussia-Fans bei Heimspielen zusammengerückt sind und die „Gelbe Wand“ geformt haben. Jeder Fußballenthusiasten, der Europas größte Stehplatztribüne einmal live in wogender Aktion erlebt hat, weiß, was das bedeutet. 

„Echte Liebe“ heißt der Slogan des BVB. Es ist zwar ein Marketing-Claim, aber er ist ausnahmsweise mal wahr. Und übertragbar auf eine Region, in der Fußball für sehr viele Menschen kein profanes Small-Talk-Thema, sondern identitätsstiftender Lebensinhalt ist. Die Klubs werden von vielen Fans nicht nur geliebt, sondern gelebt. Geradlinig, direkt, mit beiden Beinen fest auf dem Boden, mitunter ein bisschen grob, mal ein wenig großmäulig, aber auch ehrlich lauten die gängigen Charakterisierungen. 

Die gelbe Wand: Auf Europas größter Stehplatztribüne in Dortmund stehen 25000 BVB-Fans zusammen.
Die gelbe Wand: Auf Europas größter Stehplatztribüne in Dortmund stehen 25000 BVB-Fans zusammen. Foto: imago/Thomas Bielefeld

Im „Pott“ ist in guten Zeiten der Jubel ein bisschen lauter als im Rest der Fußballrepublik – und in schlechten ist auch der Zorn ein bisschen größer. Himmelsstürmer werden noch ein bisschen doller verehrt – und Idole können noch ein bisschen tiefer fallen. Schon Kaiser Franz Beckenbauer stellte fest: „Das Herz des deutschen Fußballs schlägt im Ruhrgebiet.“ Es ist ein Herz, das voller Fußballorte ist, die dazu einladen, der Begeisterung nachzuspüren. Nun möchte auch das neue Tourismus-Förderprojekt „Ruhr.Fußball“ dazu ermuntern, sich einen Weg zwischen Hochglanz-Arenen, Kultstätten und bröckelnden Stadionruinen zu bahnen – und Fußball als Inspiration und Kernthema einer Reise ins Revier zu betrachten. 1,1 Millionen Euro sollen in den drei Jahren bis zur hierzulande stattfindenden Europameisterschaft 2024 investiert werden.

Im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund kann man in der offiziellen Hall of Fame die besten deutschen Spieler aller Zeiten begutachten. Und den Original-Schuh betrachten, mit dem Mario Götze Deutschland zum Weltmeisterschaftstitel 2016 in Rio schoss.  

Rahn schießt! Als der Ball und auch die Fussballstiefel noch aus Leder waren: Auch Helmut Rahns WM-Final-Schuh steht im Deutschen Fußballmuseum.
Rahn schießt! Als der Ball und auch die Fussballstiefel noch aus Leder waren: Auch Helmut Rahns WM-Final-Schuh steht im Deutschen Fußballmuseum. Foto: Mauritius

Zwar nur sechs Kilometer entfernt, aber in der Fußballwelt diametral gegenüber, liegt der Sportplatz im Dortmunder Stadtteil Hacheney. Dort wird seit eh und je auf einem roten Rasen, also auf Asche gekickt. Und anschließend die Wunden betrachtet und von kleinen Steinchen gereinigt, bei Bier und Bratwurst am Sonntagnachmittag. Dort entstand einst die enorm erfolgreiche Reality-Fernsehserie auf Kabel Eins: „Helden der Kreisklasse“. 

Über Kamen-Kaiserau auf den Fußballgipfel: Nach der Tuniervorbereitung in der legendären Sportschule folgten die WM-Titel 1974 (hier im Bild der Mannschaftsbus) und 1990.
Über Kamen-Kaiserau auf den Fußballgipfel: Nach der Tuniervorbereitung in der legendären Sportschule folgten die WM-Titel 1974 (hier im Bild der Mannschaftsbus) und 1990. Foto: Picture Alliance

Dem goldenen WM-Pokal wieder etwas näherkommen kann man bei einem Abstecher zum SportCentrum Kamen-Kaiserau. Vom Kreis Unna starteten schon zwei Mal goldene deutsche Fußballergenerationen zu Erfolgen für die Ewigkeit. Nach der Vorbereitung in Kamen-Kaiserau wurde die deutsche Elf 1974 und 1990 Weltmeister. Das waren noch Zeiten, als man die Edelfußballer der Republik in Sportschulen und nicht in 5-Sterne-Herbergen zusammenzog.

Alte Schule: Der spätere Kaiser in Kamen-Kaiserau im Gespräch mit Bundestrainer Helmut Schön
Alte Schule: Der spätere Kaiser in Kamen-Kaiserau im Gespräch mit Bundestrainer Helmut Schön Foto: Picture Alliance

Auch dem WM-Triumph 1954 hat man im Revier ein Denkmal gesetzt. Das „Wunder von Bern“ wird von Heerscharen von Berufspendlern täglich neu erlebt – auf der chronisch verstopften A40. In Essen, der Heimatstadt von Helmut Rahn, der das entscheidende 3:2 im Finale gegen Ungarn erzielte, prangen auf Autobahnbrücken die legendären Worte aus der damaligen Radio-Reportage. Erst „Rahn müsste schießen“, dann „Rahn schießt“, und letztlich „Tor, Tor, Tor!“. 

Tor, Tor, Tor! Helmut Rahn schießt die BRD 1954 aus dem Hintergrund zum Weltmeistertitel und alle saßen vor dem Radio. Das Wunder von Bern wiederholt sich an der A 40 in Essen für viele Menschen täglich.
Tor, Tor, Tor! Helmut Rahn schießt die BRD 1954 aus dem Hintergrund zum Weltmeistertitel und alle saßen vor dem Radio. Das Wunder von Bern wiederholt sich an der A 40 in Essen für viele Menschen täglich. Foto: ddp

Zu wenige Tore schießt seit vielen Jahren Rot-Weiß Essen. Der erste Klub einer Stadt mit knapp 600 000 Einwohnern, der an der Hafenstraße ein schmuckes Stadion hat, aber in der vierten Liga feststeckt? Eine Schmach. Dann besser weiter entlang der A40, hinüber nach Bochum. Dorthin, wo sie in normalen Zeiten vor einem Heimspiel des VfL im Ruhrstadion tausende die Schals recken und aus voller Kehle Grönemeyers „Bochum“ singen. Da muss man schon fußballherzlos sein, um eine Gänsehaut verhindern zu können. 

Früher mussten Fußballstars auch singen können.
Früher mussten Fußballstars auch singen können. Foto: Firo

Fußballromantiker verlassen die A40 aber schon kurz vorher bei der Ausfahrt Wattenscheid-West mit Ziel Lohrheidestadion. So ganz verbleichen werden sie wohl nie, die Erinnerungen an die Erstligazeit der SG Wattenscheid 09 von 1990 bis 1994 in der kultigen kleinen Betonschüssel. Der Bochumer Stadtteilverein mit den schwarz-weißen Trikots vermochte gleich zwei Mal die Bayern zu besiegen. Torjäger per excellence war damals der Senegalese Souleymane Sane.

Kultstätte Lohrheidestadion: Hier wurde Fußball im Schatten der Schlote gespielt; unvergesslich ist, als die kleine SG Wattenscheid 09 in den 90er Jahren die Bundesliga aufmischte und gleich zwei Mal die Bayern besiegte.
Kultstätte Lohrheidestadion: Hier wurde Fußball im Schatten der Schlote gespielt; unvergesslich ist, als die kleine SG Wattenscheid 09 in den 90er Jahren die Bundesliga aufmischte und gleich zwei Mal die Bayern besiegte. Foto: Wattenscheid 09

Dessen Sohn und Superstar Leroy hat seine steile Karriere keine zehn Kilometer weiter auf Schalke begonnen, Gelsenkirchener Heimat von Mesut Özil. Ausgangspunkt dessen wankelmütiger Weltkarriere war der sogenannte „Affenkäfig“ an der Olgastraße. Einer jener umzäunten Bolzplätze, von denen es unzählige gibt im Revier. Özil, Sane, Neuer und so weiter – Namen von Profis, die es nicht so weit hätten kommen lassen, dass Schalke in der nächsten Saison nur noch zweitklassig sein wird. Aber auch ein guter Grund, den ganz alten Glanzzeiten nachzuspüren. In der königsblauen Keimzelle des Vereins, der Glückauf-Kampfbahn. Adresse: Ernst-Kuzorra-Platz. Kuzorra war einst prägende Figur des legendären „Schalker Kreisels“. Mit ihrem schnellen Positionsspiel und den vielen Kurzpässen waren die Schalker ihrer Zeit so weit voraus wie später mal das „Tiki Taka“ des FC Barcelona. Das wollten damals in der Glückauf-Kampfbahn mitunter 70 000 Zuschauer statt der zugelassenen 35 000 sehen. Der Tabakladen, den Kuzorra und „Stan“ Libuda betrieben, ist immer noch leicht zu finden. Nämlich auf der sogenannten Schalker Meile. Auf 800 Metern kann man dem FC Schalke 04 den Puls fühlen. Mythos, Vereinsgeschichte- und gelebte Vereinsverbundenheit werden dort in den Fankneipen gelebt – besonders an Heimspieltagen. 

Gelebte Vereinsverbundenheit: Nirgends hierzulande ist ein Verein im Stadtbild präsenter als in Gelsenkirchen. Auf der sogenannten Schalker Meile erlebt man an Heimspieltagen den königsblauen Mythos.
Gelebte Vereinsverbundenheit: Nirgends hierzulande ist ein Verein im Stadtbild präsenter als in Gelsenkirchen. Auf der sogenannten Schalker Meile erlebt man an Heimspieltagen den königsblauen Mythos. Foto: Picture Alliance

Und welche Fußballregion hat schon ein Stadion auf einem Eiland zu bieten? Die Anhänger von Rot-Weiß Oberhausen pilgern zur sogenannten Emscherinsel. Im dortigen Niederrheinstadion werden Gäste-Fans damit verhöhnt, dass sie in der „Kanalkurve“ stehen müssen. Noch so eine fußballkulturelle Besonderheit.  

Als es noch Damen-Länderkampf hieß: Im Essener Mathias-Stinnes-Stadion trafen sich 1956 echte Rebellinnen; sie umdribbelten das Frauenfußball-Verbot des DFB mit dem ersten Länderspiel einer deutschen Auswahl – vor18000 Zuschauern.
Als es noch Damen-Länderkampf hieß: Im Essener Mathias-Stinnes-Stadion trafen sich 1956 echte Rebellinnen; sie umdribbelten das Frauenfußball-Verbot des DFB mit dem ersten Länderspiel einer deutschen Auswahl – vor18000 Zuschauern. Foto: Picture Alliance

Und auch dem Frauenfußball hat das Ruhrgebiet so manchen Weg gewiesen. Ein Ort des Rebellentums gegen das 1955 vom DFB verfügte Fußballverbot für Frauen – Zitat: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden“ – war das Essener Mathias-Stinnes-Stadion. Heute ist nur noch eine überwucherte Ruine davon übrig. Schon 1956 wurde dort das Verbot spielfreudig umdribbelt. Beim ersten Frauen-Länderspiel einer deutschen Auswahlmannschaft überhaupt. Gegen die Niederlande (2:1), vor 18 000 Zuschauern. Nach der Aufhebung des Verbots im Jahr 1970 war der KBC Duisburg eine frühe Glanznummer im Ruhrpott. Auf dem Sportplatz Gablenzstraße im Stadtteil Kaßlerfeld findet man leider keine Spuren mehr davon – dennoch wurden dort 1983 ein DFB-Pokal-Sieg und 1985 ein deutscher Meistertitel erspielt.

Peinliche Prämie: Zum Gewinn des EM-Titels 1989 ließ der DFB ein Kaffeeservice für die deutschen Fußball-Frauen springen –B-Ware aus dem Hause Villeroy und Boch. Dieses Exponat ist im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund zu sehen.
Peinliche Prämie: Zum Gewinn des EM-Titels 1989 ließ der DFB ein Kaffeeservice für die deutschen Fußball-Frauen springen –B-Ware aus dem Hause Villeroy und Boch. Dieses Exponat ist im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund zu sehen. Foto: Firo

Wer von so viel Fußballkultur hungrig geworden ist, sollte nicht in irgendeine der typischen Imbissbuden im Revier einkehren, sondern das kultige „Pommes Rot-Weiß“ in Dortmund ansteuern. Zwar werden die Fritten dort, wie der Name schon sagt, vorrangig rot-weiß angerichtet, aber sonst ist alles in schwarz-gelb gehalten. Zwischen Theke und Tischen wird der Gründungsmythos des BVB gepflegt. Schließlich war dort einst die Gaststätte „Zum Wildschütz“, in der 1909 Borussia Dortmund gegründet worden ist.

Die Pommes kommen rot-weiß, aber drinnen ist alles schwarz-gelb: In diesem Erdgeschoss wurde Borussia Dortmund 1909 gegründet, heute ist hier ein sehr beliebter Imbiss zu finden.
Die Pommes kommen rot-weiß, aber drinnen ist alles schwarz-gelb: In diesem Erdgeschoss wurde Borussia Dortmund 1909 gegründet, heute ist hier ein sehr beliebter Imbiss zu finden. Foto: Imago

Endstation Beuys
FERRARAS KANÄLE Der vergessene Heimathafen