Träumen Blüten, bevor sie im Lenz erwachen?

von SONJA KASTILAN

23. März 2021 · Pflanzen besitzen faszinierende Eigenschaften, manchmal wird ihnen sogar ein Bewusstsein zugesprochen. Das geht einigen Forschern jedoch viel zu weit.

Ohne Zephyr kein Primavera. Der Windgott ist nur eine blasse Randfigur in Sandro Botticellis Frühlingsgemälde. Aber für den Renaissancekünstler schien es offenbar selbstverständlich, dass Flora nicht ohne göttliches Zutun aufblühen kann. Frei nach Ovid stürzt sich eine windige Gestalt auf eine sehr spärlich bekleidete Nymphe, was Kunsthistoriker in aller Symbolik zu deuten wissen. In der Antike als Frühlingsbote verehrt, war Zephyr ein Befruchter, dessen „Spielzeug“ noch Anfang des 18. Jahrhunderts als Erklärung herhalten musste, als man die Sexualität der Pflanzen entdeckte und in Worte fassen musste. Der französische Botaniker Sébastien Vaillant hielt beispielsweise 1717 im „Jardin Royal de Paris“ einen legendären Vortrag, in dem er seine – männlichen – Zuhörer über die verschiedenen Strukturen von Blüten aufklärte. Und weil es dabei auch um den Gebrauch der pflanzlichen Geschlechtsteile ging, unterhielt Vaillant sein Publikum mit anschaulichen Schilderungen voller Symbolik. Von den „joüet aux Zephyres“ war also die Rede, von Objekten der Begierde, Befriedigung, Gewalt, feurigen Organen und einem Wirbelsturm aus Staub. Bis zur Erschöpfung.

Eine Narzisse mit Aura: Der japanische Künstler Makoto Azuma erzeugt diesen faszinierenden Effekt am Computer. Zuvor ließ er diese und andere Pflanzen röntgen, damit ihre inneren Strukturen sichtbar werden, die Farbe gibt er ihnen dann später zurück.

Wer würde da keine Leidenschaft für die Botanik und ihre geistigen Ergüsse entwickeln? Zurzeit wird oft und gerne über Blütenstaub gesprochen. Allerdings sind meist ganz andere Frühlingsgefühle gemeint, die ins Fach der Medizin fallen: Als Erreger von Allergien sind Pollen vor allem lästig; Niesattacken, oder verquollene Augen verderben schnell den Spaß am Pflanzensex. Vor Männlichkeit nur so strotzende Birken sind besser zu meiden, warum nicht die jungen Buchentriebe im deutschen Wald besuchen, den uns ein schreibender Förster näherbringen will? Was in seinen Büchern über das geheime Leben der Bäume zu lesen ist, von ihrer Gesprächigkeit, einem Geschmackssinn oder „Gruppenkuscheln“, kann als Anreiz verstanden werden, die Natur mit allen Sinnen zu erfahren. Schließlich macht sich niemand verdächtig, auf dem Boden zu hocken, einfach die Augen zu schließen oder mit dem Kopf im Nacken das Blätterdach zu bestaunen, seit Waldbaden zum Trend erklärt wurde. Nur ist Vorsicht geboten, diese Bestseller mit einer Faktensammlung gleichzusetzen, denn anrührende Metaphern verkaufen sich zwar, sind aber nicht unbedingt treffend. Wenn Bäume „stillen“ oder mit einer Elefantenherde verglichen werden, ist das mehr als Gefühlsduselei. Sie könnte außerdem Wirkung zeigen, würde so, romantisch verklärt, über die Zukunft der Holz- und Forstwirtschaft diskutiert. Und das wäre erst der Anfang. Wenn Pflanzen nicht mehr als hochkomplexe Organismen gelten, sondern als intelligent, und den Photosynthese betreibenden Lebewesen ein Bewusstsein attestiert wird, was auch immer das bedeutet, sollen dann Ethikkommissionen über Gemüsemärkte, Blumenläden, Äcker, Wiesen, Vorgärten oder Parkanlagen wachen? 

Nicht jeder erkennt sofort die Orchidee. Aber im Bild von Makoto Azuma wirkt Dendrochilum sehr grazil.

Weil Sachbücher sich an Laien richten, ist eine gewisse Unschärfe nicht zu vermeiden. Schwierige Sachverhalte sollen einfach und verständlich dargestellt werden. Trotzdem richtig. Deshalb hadern Wissenschaftler damit, wenn sie überaus faszinierende Fähigkeiten der Pflanzen beschreiben sollen. Anders als Märchen oder die griechische Mythologie, deren Helden heute niemand mehr vergöttert, haben aktuelle Geschichten das Problem, dass es an frischen, unverbrauchten, dennoch klaren Bildern mangelt. Deshalb erwachen Blüten zum Beispiel aus einem „Winterschlaf“, wenn Molekularbiologen das Phänomen der Vernalisation erklären. Sie sprechen von Kältegedächtnis und Temperatursinnen, die nicht nur tägliche Tiefst- und Höchstwerte messen. Und nutzen Begriffe wie Schalter oder Bremse, um komplexe Prozesse zu erläutern. Nicht weil Pflanzen wie wir schlafen, frösteln oder Auto fahren, sondern weil sonst nur wenige verstehen würden, was über die beteiligten Gene und Proteine zu erfahren ist. Und wenn ein Zeitungstext mit einem „Gespür für Kälte“ lockt, ist das eben als eine Annäherung an den „Flowering Locus C“ zu lesen – und als eine Chance, über dessen zentrale Rolle sowie weitreichende Einflüsse des Klimawandels nachzudenken. Wo bleibt unser Obst, wenn voreilige Blüten erfrieren? 

An Besonderheiten hat die Pflanzenwelt spektakuläre Beispiele zu bieten, darunter eine bald 5000 Jahre alte Kiefer, eine drei Meter hohe stinkende Blüte, Wurzeln, die mehr als hundert Meter tief reichen oder wie im Fall des Roggen zusammen 80 Kilometer ergeben. Selbst mit ihrem Tempo können die sesshaften Lebewesen verblüffen: Als schnellste räuberische Landpflanze hat es ein australischer Sonnentau ins „Guinness-Buch der Rekorde 2021“ geschafft, weil er nur 75 Millisekunden braucht, um seine Beute in Leim festzusetzen. Für diese spezielle Katapult-Falle sind Tentakel zuständig, was weder bedeutet, dass sie erst seit dem Mittelalter existiert, noch, dass sie von einem Oktopus bedient wird, doch der Mechanismus wird verständlich. Um die wundersame Flora zu beschreiben, wird die Fauna herangezogen, nicht nur, weil das Allgemeinwissen über Tiere größer ist: Wir schätzen sie meist mehr, fühlen uns ihnen verbunden und sind ja tatsächlich verwandt, mal näher, mal weiter.

Dieses zarte Gewächs ist eine fleischfressende Sarracenia. Ohne Beute.

Manche Forscher gehen allerdings so weit, sich für bildhafte Analogien munter im Repertoire der Anatomie, Neurowissenschaften und Psychologie zu bedienen. Ohne zumindest darauf hinzuweisen, dass Begriffe wie Gedächtnis, Lernen, Rechnen, Fühlen, Sprechen, Intelligenz oder Bewusstsein sich nicht eins zu eins auf Pflanzen übertragen lassen. Im Gegenteil, manche meinen das sogar ernst. Sie nutzen die aus der Tierwelt bekannten Eigenschaften, um Pflanzen ein besseres Image zu verpassen, oder überhöhen sie. Wie etwa der Italiener Stefano Mancuso, der in seiner gerade auf Deutsch erschienenen Charta zur Erhaltung der Natur „Die Pflanze und ihre Rechte“ verteidigt: Pflanzen könnten „ihre Umwelt nicht nur wahrnehmen“, sondern seien „sogar empfindungsfähiger als Tiere“. Was er im Buch als unbestrittene Tatsache verkauft, wäre längst nicht die einzige Behauptung, der Kollegen widersprechen würden, die sowieso rätseln: Warum darf eine Pflanze nicht einfach Pflanze sein? Warum muss man sie als empfindsam beschreiben, als Meister der Kooperation und fast zwanghaft vermenschlichen? Zumal die Frage nach dem Bewusstsein nicht einmal für uns abschließend geklärt ist. Und über die Definition von Intelligenz, je nach Kultur, wird nach wie vor debattiert, nun also bei Erbsen und Bohnen?

Ob sich das Alpenveilchen seiner Anmut bewusst ist? Wohl kaum. Forscher bestreiten, dass sich im Wurzelsystem oder irgendwelchen anderen Strukturen von Pflanzen ihr Gehirn verbirgt.

Wenn selbsterklärte Pflanzenneurobiologen Leitungsbahnen als Neuronen bezeichnen und das Gehirn von Pflanzen im Wurzelsystem verorten, empfinden das zahlreiche Forscher als geradezu übergriffig. So warnt der Mediziner und Neurowissenschaftler Andreas Draguhn von der Universität Heidelberg davor, solche Begriffe unmittelbar zu übertragen. Mit Blick auf beinahe esoterisch anmutende Veröffentlichungen sieht Draguhn die Gefahr, dass Teile der Wissenschaft ihren Auftrag zu Aufklärung und rationalem Denken aus dem Blick verlieren. Er ist damit nicht allein. Wenn selbst Fachjournale nicht vorsichtiger mit Begriffen wie Intelligenz oder Bewusstsein in Bezug auf Pflanzen umgehen, wie sollen dann Laien spezifische Feinheiten unterscheiden? Im Jahr 2007 hatten sich 33 internationale Pflanzenforscher in den „Trends in Plant Science“ bereits kritisch mit dem Konzept der damals aufkommenden „Pflanzenneurobiologie“ befasst, deren Argumente widerlegt und zu mehr evidenzbasierten Analysen der fraglichen Prozesse aufgerufen, bei aller Liebe zur Diskussion. Zu diesen kritischen Stimmen in der Debatte zählt der Zellbiologe David Robinson, dem die oberflächlich verwendeten Analogien missfallen. Denn die Vermenschlichung von Pflanzen hält Robinson, inzwischen als Professor an der Universität Heidelberg emeritiert, für gefährlich: „Nein, ich habe keineswegs etwas gegen Pflanzen, ganz im Gegenteil, ich habe Botanik studiert und das Fach fünfzig Jahre gelehrt. Es ist nur falsch, ihre Strukturen und Fähigkeiten mit unseren gleichzusetzen. Natürlich reagieren sie zum Beispiel auf Schallwellen, aber sie hören nicht wie wir.“ Und ihre messbaren Aktionspotentiale, sprich elektrischen Reizwellen, würden nicht in Nervenbahnen verlaufen und auf anderen Prozessen sowie Ionenflüssen beruhen als unsere Nervenimpulse. 

Warum Paphiopedilum auch Venus- oder Frauenschuh genannt wird, ist offensichtlich, oder?

Trotz aller Komplexität, die Pflanzen im Lauf von Jahrmilliarden entwickeln konnten, sind es Lebewesen, die relativ schlichten Regeln folgen mit Schwellenwerten und Obergrenzen, was keine kognitiven Verhaltensweisen erkennen lässt. Oder würde man einen Saugroboter, der sich einen Weg innerhalb von vier Wänden sucht, sich zwischen Tisch und Sofa orientiert, als ein bewusst handelndes Subjekt bezeichnen? Im Gegensatz dazu handelt es sich bei Pflanzen wiederum um Organismen, die zu hochkomplexen biologischen Reaktionen in der Lage sind und sich evolutionär anpassen, was wir kaum in allen Aspekten nachvollziehen können. Aber lernen sie? „Lernen würde ich akzeptieren, wenn eine Pflanze verschiedene Anpassungen ausprobiert und das nächste Mal gezielt diejenige auswählt, die davor funktioniert hat“, argumentiert Maik Böhmer, der das Zero-G-Labor im Arbeitskreis Molekulare Zellbiologie der Pflanzen an der Universität Frankfurt leitet. Bei Pflanzen sei das nicht zu beobachten, sondern: „Sicherlich gut entwickelte und sehr komplexe Reaktionen, aber eher mit Reflexen vergleichbar.“ Sein Team erforscht die Stressanpassung von Pflanzen, misst die verschiedenen Reaktionen etwa auf Hitze und sogar auf anthropogene Stressoren wie Schwerelosigkeit, die einer Pflanze unbekannt sind: „Wir schauen uns die Adaptation an, würden den Pflanzen dabei aber nie unterstellen, dass sie anschließend reflektieren, wie sie es beim nächsten Mal besser machen könnten.“ Wenn überhaupt, würde er eher von einer „evolutionären Intelligenz“ sprechen, die Pflanzen seit Jahrmilliarden überleben und florieren lässt.

Im Bild des Künstlers Makoto Azuma erscheint Amaranth fast zu schön zum Essen.

„Die Reaktionen erfolgen nicht durch Abwägen, sondern reflexähnlich“, formuliert es Rainer Hedrich, Professor für Pflanzenphysiologie an der Universität Würzburg. Dabei werden seine Studien des Öfteren herangezogen, um Pflanzen besonders smart erscheinen zu lassen. Dass es sich um Lebewesen handelt, sei unstrittig, sagt Hedrich, ebenso, dass sie auf Umweltreize reagieren. Aber haben Pflanzen auch Sinne? „Sollten wir nicht lieber uns fragen, wenn wir sie so vermenschlichen wollen, ob wir noch alle Sinne beisammen haben?“, stellt er die Gegenfrage. „Pflanzen verfügen weder über ein Gehirn noch über Nervenzellen, die über Synapsen miteinander vernetzt sind. Sie können über ihr Gefäßsystem aber sehr wohl Signale übermitteln und schicken in bereits bekannten Fällen eine Antwort im Sinne eines retrograden Signalwegs zurück.“ Was Venusfliegenfallen, Hedrichs Studienobjekte, nun besonders macht, ist ihre Art von Gedächtnis: Wenn ein potentielles Beutetier ein Sinneshaar berührt, laufen die druckempfindlichen Zellen der Haarbasis vorübergehend mit Kalzium voll. Das löst eine Kalziumwelle und ein Aktionspotential aus, das sich über die gesamte Blattfalle ausbreitet. Bei einer einzigen Berührung passiert nichts. Erst wenn ein Insekt einen zweiten Reiz innerhalb von zwanzig Sekunden auslöst, schnappt die Falle im Bruchteil einer Sekunde zu und hält die Beute gefangen. Trifft der zweite Reiz später ein, bleibt die Falle offen – das Insekt verschont. Dieses Gedächtnis für eine erste Berührung sei nichts „Esoterisches“, betont Hedrich, sondern basiere auf einer Kalziumuhr. Die Falle schnappt erst zu, wenn in den Zellen des Fangorgans ein kritischer Kalziumwert überschritten wird. Man könnte glauben, die Pflanze zähle bis zwei oder gar bis drei und fünf, denn es gibt einen weiteren Mechanismus – getaktet durch den Pegel eines Berührungshormons, der Jasmonsäure. Aber: „Es werden festgelegte Reaktionsmuster abgerufen“, sagt Hedrich. Die Pflanze könne nicht frei entscheiden, wann die Falle schließt.

Die Venusfalle ist also kein Rechengenie. Robinson und Draguhn, die diese Würzburger Studien mit Faszination verfolgen, würden wohl auch davon abraten, eine Pflanze so zu bezeichnen: „Ein Begriff wie Rechnen beschreibt ja eine kognitive Fähigkeit, die über das reine Erfassen von Quantitäten hinausgeht und zum Beispiel uns, anderen Primaten oder Rabenvögeln gegeben ist“, erklärt Draguhn. Was hingegen bei Pflanzen zu beobachten sei, würde er eine biologische Reaktion nennen. Gemeinsam mit internationalen Kollegen sprechen sie sich in Fachpublikationen deutlich gegen die anthropomorphe Betrachtung von Pflanzen aus. Sie befürchten, dass die Pflanzenwissenschaft zur „Science-Fiction“ verkommen könnte, die mit unwissenschaftlichen Thesen politische Entscheidungen beeinflusst.

Eine Pflanze ist eine Pflanze ist eine Pflanze... Sie muss überhaupt nichts anderes sein, schon gar nicht am Menschen gemessen werden.

Natürlich ist den Forschern klar, dass eine bildhafte Sprache das Verständnis erleichtert und Interesse weckt. Wenn Blüten jetzt aus einer Art Winterschlaf erwachen, lasse sich über die Wortwahl durchaus diskutieren. Schließlich folgen Pflanzen circadianen Rhythmen, passen ihre Stoffwechselprozesse an Tages- und Jahreszeiten an, abhängig von Licht und Temperatur. Robinson würde aber nie so weit gehen, bei Pflanzen von Schlaf zu sprechen. Können Pflanzen womöglich träumen? „Das ist ein schönes Beispiel“, sagt Draguhn, „für einen Geisteszustand, bei dem wir ein verändertes Bewusstsein haben.“ Dabei laufen mentale Prozesse ab, ohne dass wir agieren: „Das können Pflanzen nicht, ihnen fehlen die nötigen Rückkopplungsschleifen. Sie können auch keinen Gedanken, der für sich Bestand hat und nur in mir Form annimmt, kreisen lassen, ohne ihn auszuführen.“ Diesen zweiten Raum, so beschreibt es der Mediziner, in dem wir uns dann aufhielten, könnten Pflanzen nicht betreten. Und sie werden sicherlich niemals in Morpheus’ Armen liegen.

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Nächstes Kapitel:

Zehn Jahre an einem Tag


Zehn Jahre
an einem Tag

von SONJA KASTILAN
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XX. März 2021 · Der Japaner Makoto Azuma erkundet die Mysterien der Blumen mit seiner Kunst

Die offene Hand, aus der eine Pflanze emporragt, ist sein Zeichen. Zarte, die Finger durchdringende Wurzeln scheinen die Geste zu unterstützen, und wenn jemand allen Blumen voller Hochachtung begegnet, dann der japanische Künstler Makoto Azuma. Er feiert ihre Pracht sowie ihre Vergänglichkeit, lässt sie an Ballons in den Himmel aufsteigen oder tausend Meter tief ins Meer sinken. Mitten im Februar 2021 setzte Azuma ein riesiges Bouquet im japanischen Winterweiß aus. Umgeben von Schnee und Eis begoss er die Blüten aus aller Welt hingebungsvoll, bis bizarre Zapfen seine „Frozen Flowers“ zierten: Im Moment gefangen, bis Tauwetter einsetzt, und alles zerfällt, noch schneller als sonst. Gerade dort, wo Pflanzen eigentlich nicht vorkommen, spürt Azuma ihrer Bedeutung nach – in ehrgeizigen und technisch anspruchsvollen Projekten. Eine Kamera ist stets dabei: Wenn alle Blütezeit einmal ein Ende finden muss, dann bitte nicht unbeobachtet.

Seine Arrangements als eine eigenwillige Form von Ikebana zu beschreiben, wäre vermutlich weder völlig falsch noch immer zutreffend. Wenn Azuma rosa Kirschblüten quadriert, Erdbeeren in transparenten Blöcken ausstellt oder blühende Zweige und Hyazinthenzwiebeln in die Plastikarme von Anime-Kampffiguren legt, zur Feier von „Neon Genesis Evangelion“, dann huldigt er mehreren Facetten der japanischen Kultur zugleich und interpretiert sie auf seine Weise neu. Was er sich für internationale Werbekunden und Modeschauen einfallen lässt, fasziniert und zeigt doch nur einen Bruchteil jenes kreativen Geistes, der den ehemaligen Punkmusiker und Floristen umtreibt. Würde er sonst eine „Enzyklopädie der Blumen“ herausgeben und über Jahre hinweg ergänzen, um in aller Opulenz zu archivieren, was vielleicht schon bald wieder verschwunden ist? Oder hochkomplexe Bouquets in Filmen wunderschön aufblühen, dann aber auch wieder verwelken lassen? Das passiert nie synchron, jede Art folgt ihrem eigenen Rhythmus, und diese unkontrollierbare Dynamik macht den Zauber von Azumas farbgewaltigen Kompositionen aus.

Was sich nach dem Röntgen in Schwarzweiß oder grauen Schatten abzeichnet, wird am Computer regelrecht wieder belebt. Die Pflanzen erhalten dann nicht nur ihre Farben zurück, sondern die Blüten scheinen plötzlich eigentümlich zu leuchten.
Was sich nach dem Röntgen in Schwarzweiß oder grauen Schatten abzeichnet, wird am Computer regelrecht wieder belebt. Die Pflanzen erhalten dann nicht nur ihre Farben zurück, sondern die Blüten scheinen plötzlich eigentümlich zu leuchten. Foto: AMKK

Sind Blumen einmal abgeschnitten, bleiben ihnen vielleicht zehn Tage, so heißt es, und jeder einzelne entspricht einem Jahrzehnt, wollte man das Altern einer Knospe mit dem menschlichen Dasein vergleichen. Unmöglich, jeden Moment zu erhaschen, doch Makoto Azuma möchte nicht einen Tag oder gar zwei verpassen, alles wird dokumentiert. Damit will er einerseits Verantwortung übernehmen, andererseits lassen Videos sein Publikum weltweit – Hunderttausende folgen ihm auf Instagram – in Zeitraffer teilhaben. An einem Wunder der Natur, das sich in jeder Vase abspielt, dem Auge trotzdem verborgen bliebe. Und was manche als dekadent empfinden, ist für ihn Ausdruck großer Wertschätzung. Schönheit und Zerfall bilden auch keinen Kontrast, sondern eine mysteriöse Einheit, die sein Team am AMKK in Tokio, einer Art Experimentallabor für Floristik, ergründet.

Seit 2009 besteht dieses Institut, an dem Blumen und Bäume mit Mitteln der Kunst erforscht werden, was nicht bedeutet, dass modernes Wissen keinen Einfluss hätte. So soll es einem Bonsai in der Neuauflage eines sogenannten Paludariums an nichts fehlen: Darin ist ein Nadelbäumchen in einer Ökosphäre eingeschlossen, durch Glas von der Außenwelt abgeriegelt, geschützt. Eine Maschine hüllt es in Nebelschwaden, Lampen spenden Licht, Ventilatoren simulieren Wind, aus Lautsprechern dringt Musik ins Gewächshaus: Das technisch ausgeklügelte Gerät namens „Yasutoshi“ kann eine Pflanze rund um die Uhr umhegen, wie kürzlich in Tokio zu bewundern war, in einer Ausstellung gepaart mit „Tachiko“, einem zweiten, etwas anders gestalteten Paludarium.

Seine „Botanischen Skulpturen“, für die er Blüten mehrere Meter hoch und breit inszeniert, errichtet Azuma mit seinem Team an den ungewöhnlichsten Orten, stellt sie in Galerien und Museen überall auf der Welt zur Schau. Den Schaffensprozess empfindet er als spirituell. Schon während ihrer Entstehung stellen die Blumenskulpturen für ihn eine Form des Gebets dar, wie er es zum Beispiel in Fukushima in einer verlassenen Schule zelebrierte. In der Region kam es 2011 nach einer Naturkatastrophe zum radioaktiven Desaster, für das der Mensch verantwortlich ist. Ein Unfall mit weitreichenden Folgen, was den Floristen bis heute tief berührt. 

Erst im Labor, dann am Computer: Der Künstler Makoto Azuma arbeitet eng mit dem Fotografen Shunsuke Shiinoki zusammen, sie sind seit ihrer Schulzeit befreundet.
Erst im Labor, dann am Computer: Der Künstler Makoto Azuma arbeitet eng mit dem Fotografen Shunsuke Shiinoki zusammen, sie sind seit ihrer Schulzeit befreundet. Foto: AMKK

Sein Herz schmerze, wenn er an die Opfer denke, seine Arbeit hier diene ihrem Gedenken. Für ihn wurde die Tragödie zum Wendepunkt, seither sei er viel nachdenklicher, sagt Makoto Azuma in einer Szene des Dokumentarfilms „Flower Punk“. Im Auftrag des Magazins The New Yorker porträtiert die Regisseurin Alison Klayman damit den 1976 geborenen Künstler und erzählt in knapp dreißig Minuten die Geschichte eines Jungen vom Land, der in seinem Schulfreund Shunsuke Shiinoki einen kongenialen Partner fand. Zusammen zogen die beiden in die Großstadt, voller Hoffnung, dass sie mit ihrer Band als Punkrocker Karriere machen. Irgendwann jobbten sie doch nebenbei in einem Blumengeschäft – und eröffneten 2002 mit dem „Jardin des Fleurs“ ihren eigenen Laden, um anspruchsvollen Kunden zu bieten, was Kenner als Haute Couture der Floristik bezeichnen. Das Interesse in den ersten Jahren war, gelinde gesagt, mau, auch die gewagten Kunstprojekte brachten ihnen nichts ein. Heute sind sie als Künstler international geschätzt, hoch bezahlt und können selbst aufwendige Pläne verfolgen, ohne Hunger zu leiden, wie es in ihrer Anfangszeit der Fall war. Und auch wenn man nach wie vor ihre Sträuße oder Gestecke ordern kann, ist das inzwischen eher ein Nebengeschäft.

Wie eng verbunden die Freunde sind, drückt Shiinoki auf bemerkenswerte Weise aus, als er ihre Zusammenarbeit als Dreiecksbeziehung zwischen ihm, dem Fotografen, dem Künstler und den Blumen beschreibt. „Unsere Arbeit beruht auf gegenseitigem Vertrauen“, sagt er, den Makoto Azuma einmal bei anderer Gelegenheit als die einzige Person würdigt, der es gelänge, seine Werke mit der Kameralinse richtig einzufangen; Shiinoki respektiere und verstehe die Blumen wie auch seine Kreationen, das künstlerische Schaffen an sich. Künstler und Fotograf kommen Tag für Tag mit Pflanzen in Kontakt, sehen deren Fragilität sowie Vergänglichkeit. Zusammen widmen sie sich der Aufgabe, eine geheimnisvolle Pflanzenwelt nicht nur in farbenfroher Vitalität und Formenvielfalt abzubilden, sondern auch im Tod und darüber hinaus. 

Fotos: AMKK

Der Königsfarn Osmunda japonica ist von einer Narzisse klar zu unterscheiden. Mit diesen CT-Aufnahmen möchte der Künstler Makoto Azuma das sonst unsichtbare Innere der Pflanzen ergründen.

Wenn Azuma und Shiinoki in einem aktuellen Projekt sogar Methoden der medizinischen Diagnostik anwenden, um Alpenveilchen, Farne, Narzissen oder Orchideen mitsamt Blüten, Blättern und Wurzeln als botanisches Wunder zu erfassen, geht es ihnen darum, die natürliche Schönheit auf neue Art zu entdecken: Die Röntgenaufnahmen und CT-Scans gewähren tiefere Einblicke, durch die sie hoffen, den Mysterien der Blumen näher zu kommen. Azuma legt Wert darauf, auch jene Teile einer Tulipa oder Nepenthes zu entdecken, die das Auge nicht wahrnehmen kann, eben das, was sich unter der schönen Oberfläche verbirgt. In floralen Kunstwerken will er, der keine Grenze zwischen Arbeit und Privatleben zieht, diese Strukturen nun herausarbeiten, den innersten Kern für uns begreifbar machen, gesucht ist die Essenz des – pflanzlichen – Lebens. 

Als Künstler spürt er Verbindungen zwischen Menschen und Pflanzen nach, und wie sehr Makoto Azuma Blumen schätzt, lässt sich am Namen ablesen, den seine Tochter trägt: Sumire wurde nicht etwa nach einer mysteriösen Romanfigur benannt. Nein, Vorbild war nicht „Sputnik Sweetheart“ von Haruki Murakami, sondern das Veilchen, von Azuma verehrt, und die seien stark in Japan. Wie Unkraut.