Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum Spielen schlau macht

Von Anke Schipp
05.06.2020
, 15:25
In der ersten Zeit wird viel mit dem Mund erkundet: Das Baby spielt und lernt mit Bauklötzen.
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In der ersten Zeit wird viel mit dem Mund erkundet: Das Baby spielt und lernt mit Bauklötzen. Bild: Picture-Alliance
Wenn man manche Eltern so hört, könnte man meinen, Spielen sei das komplette Gegenteil von Lernen. Stimmt nicht, sagen Forscher: Beim Spielen machen wir grundlegende Erfahrungen. Von der Geburt an.
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Es ist etwas, was einfach so passiert. Jeder Mensch macht es, wenn er auf die Welt kommt, er kann nicht anders: Er fängt an zu spielen. Auch wenn es nicht immer danach aussieht. Das Strampeln mit den Beinen, das Greifen nach einem Gegenstand, das Fabrizieren von Geräuschen, all das ist ein Spiel, das dazu dient, dass ein Kind sich ausprobiert, seine Welt entdeckt und lernt, darin zu zurecht zu kommen. Wenn ein Kind fünfmal seinen Löffel aus dem Hochstuhl fallen lässt, macht es das nicht, um die Eltern zu ärgern, sondern um Dinge herauszufinden und diese abzuspeichern: Kann man den Aufprall hören? Wie lange dauert es, bis man ihn hört? Geht der Gegenstand kaputt?

Trotzdem halten viele Erwachsene Spielen für etwas Triviales, Unernsthaftes, etwas, was Kinder zum Zeitvertreib machen, was aber wenig produktiv und nicht zielführend ist. Viele Eltern wollen deshalb ihre Kinder lieber mit schulischen Programmen fördern, schenken ihnen Spielzeug, bei dem sie noch Rechnen üben oder drängen sie dazu, ein Instrument oder eine Sprache zu lernen, statt sie einfach spielen zu lassen. Dabei ist das in jedem Alter die Grundlage von allem, was man für den Rest seines Lebens braucht.

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Menschenkinder müssen nämlich wie alle Tiere mit einem Gehirn durch eigene Erfahrungen lernen. Sie beobachten und probieren aus, wie man sich Nahrung sucht, wie man sich vor Gefahren schützt und wie man in der Gemeinschaft lebt. Die Struktur des Gehirn wird während der Kindheit dadurch geformt, dass es Dinge bewältigt und Erfahrungen sammelt. Diese Erfahrungen werden dann in ihrem Hirn in Form bestimmter Verschaltungsmuster fest verankert, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther. Nebenbei wird auch das Selbstvertrauen gefestigt.

Um fit fürs Leben zu werden, braucht es also Freiräume, in denen Kinder sich selbst ausprobieren können. Beides ist wichtig: das Spielen mit sich alleine, vielleicht auch aus einer Langeweile heraus, denn das fördert Konzentration und Kreativität. Aber auch das Spielen mit anderen Kindern, die ruhig auch älter sein dürfen, denn dann kann man sich etwas abschauen. Auch Rollenspiele sind wichtig für die Entwicklung, denn sie sind ein soziales und emotionales Training. In die Rolle eines anderen zu schlüpfen bedeutet vor allem, sich gefühlsmäßig in eine andere Stimmung zu versetzen. So kann man Angst, Trauer und Wut besser verarbeiten und entwickelt gleichzeitig Einfühlungsvermögen für andere.

Weil das alles wichtig ist, steht das Recht auf Spielen auch im Artikel 31 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention, das ist eine Liste, welche Kinderrechte geachtet werden müssen, aufgeschrieben von der Gemeinschaft fast aller Länder auf der ganzen Welt. Und damit ist es etwas, dass beachtenswert ist. Eltern, die immer noch skeptisch sind, sollten die Sache so sehen: Spielen ist die Arbeit der Kinder. Und jede Arbeit muss respektiert werden.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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