Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum wir in Urlaub fahren

Von Andrea Diener
12.08.2022
, 12:28
Eine Frau sitzt neben ihrem Kind unter einem Sonnenschirm an einem warmen Sommertag am Strand.
Eine Frau sitzt neben ihrem Kind unter einem Sonnenschirm an einem warmen Sommertag am Strand. Bild: dpa
Ferien: Für Kinder ist das die Zeit zum Spielen und Trödeln. Doch die Großen nennen es anders und verhalten sich seltsam. Eine Gebrauchsanleitung für den Umgang mit urlaubenden Erwachsenen.
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Morgens aus dem Haus, abends nach Hause. Morgens aus dem Haus, abends nach Hause. Morgens aus dem Haus, abends nach Hause. So sieht das Leben der meisten Menschen leider aus. Und dabei versifft die Wohnung immer mehr, deshalb muss am Wochenende geputzt werden und Wäsche gewaschen und die Steuererklärung und dieser ganze andere Quatsch, mit dem sich Erwachsene herumschlagen müssen, bleibt liegen. Dann seufzen die Leute, setzen sich an den Schreibtisch und machen das halt auch noch.

Es ist ja ein großes Missverständnis, dass Erwachsene nur deshalb nicht spielen, weil sie keine Lust darauf haben. Das geht nur ein paar sehr, sehr langweiligen Menschen so. Die meisten haben einfach nur keine Zeit, und wenn sie sich doch die Zeit zum Spielen nehmen, haben sie ein schlechtes Gewissen, weil sie gerade nicht irgendwelche wahnsinnig wichtigen Erwachsenendinge erledigen. Erwachsensein fühlt sich nämlich meistens an, als hörten die Hausaufgaben einfach nie auf.

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Um einmal keine Hausaufgaben zu haben und in Ruhe spielen zu können, müssen Erwachsene das Haus verlassen, und am besten auch die Stadt oder das Land, in dem sie wohnen. Dann reservieren sie sich irgendwo ein Hotel, wo es schön oder sonnig ist, und tun nur, worauf sie Lust haben. Eigentlich machen sie den ganzen Tag nichts anderes als das, was auch Kinder am liebsten machen, nämlich Trödeln und Spielen, sie nennen es nur anders. Sie reden von Entspannung und Erholung. Manchmal erfinden sie noch komischere Wörter dafür, Wellness zum Beispiel. Das klingt besser, und sie können sich erwachsener dabei fühlen.

Bild: F.A.Z.

Außerdem tun Erwachsene etwas, was Kinder nicht verstehen: Sie schauen sich stundenlang Landschaft an. Das ist wirklich schwer zu erklären, aber Erwachsene sind ganz besessen von Landschaft. Das Meer, das so blau ist, die Berge, die oben mit etwas Glück noch ein bisschen weiß sind, die Sonne, die ganz rot untergeht – daran können sie sich gar nicht sattsehen, während die Kinder zappelig werden und sich zu Tode langweilen. Die Erwachsenen sitzen einfach nur da und seufzen herum und sagen dauernd Sätze wie „Ach, herrlich hier!“ Das müsst ihr verstehen, so sind sie einfach. Sie sehen nämlich so selten Schönes, sondern den ganzen Tag graue Aktenschränke und graue Schreibtische und graue Wände und nur ein paar wenige, traurige Pflanzen. Deshalb müssen sie Bäume tanken und Wiesen und Strände, damit sie es wieder eine Weile im Büro aushalten.

Und noch etwas: Irgendwann halten sie es auch wieder miteinander aus. Es dauert ein paar Tage, in denen sie noch so genervt sind wie immer, und dauernd alle abwimmeln wollen, weil sie es so gewohnt sind, um sich Arbeit vom Hals zu halten. Dann aber merken sie, dass keiner mehr etwas von ihnen will, außer ihnen einen Kaffee zu bringen oder Pizza, und da entspannen sie sich und schauen nicht immer weg, sondern anderen Menschen wieder in die Augen. Urlaub ist für Menschen auch ein bisschen so, als befreie man ein Zirkustier aus einem zu engen Käfig, und Kunststücke muss es auch keine mehr machen. Wenigstens für zwei oder drei Wochen im Jahr, und das ist ja besser als nichts.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis
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