Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum manche nicht sagen dürfen, woran sie glauben

Von Aylin Güler
27.08.2021
, 14:30
Religiöser Tanz Semah im alevitischen Kulturzentrum in Berlin-Kreuzberg
Religiöser Tanz Semah im alevitischen Kulturzentrum in Berlin-Kreuzberg Bild: Picture-Alliance
Manche Menschen haben Angst, anderen zu sagen, woran sie glauben. Das fühlt sich schrecklich an. Aber es hat seine Gründe. Auch heute noch. Sogar bei uns.
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In unserer Geschichte gibt es viele Spuren, Erinnerungen und Hinweise von religiöser Verfolgung. In Frankreich wurden im 15. und 16. Jahrhundert beispielsweise lange Zeit Protestanten von Katholiken verfolgt. Französische Protestanten, die man seit 1560 Hugenotten nennt, mussten sich verstecken, um ihre Religion ausüben zu können. In einer Nacht im August des Jahres 1572 wurden sie angegriffen und Tausende von ihnen getötet. Die Ereignisse dieser Bartholomäusnacht lösten eine Fluchtwelle von Hundertausenden Hugenotten in die umliegenden protestantischen Länder aus.

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Auch Juden wurden seit dem Mittelalter besonders in Europa ausgegrenzt. Auch in muslimischen Länder werden sie bis heute angefeindet. Sie durften bestimmte Berufe nicht ausüben und mussten in abgesonderten Wohnvierteln leben, die man Ghettos nannte. Erst Ende des 18. Jahrhundert bekamen Juden dieselben Rechte wie ihre christlichen Mitbürger. Doch der Antisemitismus endete damit nicht. Die schlimmste Verfolgung der Juden fand in Deutschland während des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 statt. Der Vernichtungspolitik fiele sechs Millionen Juden zum Opfer. Viele von ihnen wurden in Vernichtungslagern wie Auschwitz ermordet.

Religion als Verfolgungsmotiv gehört jedoch längst nicht der Vergangenheit an. Auch heute noch werden Jesiden im Irak verfolgt, Muslime in Myanmar angegriffen und Christen in Mali zur Flucht gezwungen. Und es passiert selbst hierzulande: Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass ein achtzehn Jahre alter Jugendlicher, der die jüdische Kopfbedeckung, eine Kippa, trug, in einem Kölner Park von einer Gruppe geschlagen und getreten wurde. Einer aus der Gruppe soll dem Opfer seine Kippa, das Zeichen seines Glaubens, vom Kopf genommen haben. Der junge Mann kam mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus.

Bild: F.A.Z.

Das Thema der religiösen Verfolgung beschäftigt auch mich schon mein Leben lang, denn auch ich gehöre einer Religionsminderheit an und möchte euch heute meine Geschichte erzählen: Ich bin Alevitin. In der Türkei leben schätzungsweise zwölf bis fünfzehn Millionen Aleviten. Die Zahl ist nicht exakt feststellbar, weil viele sich nicht öffentlich zu ihrem Glauben bekennen. Denn staatlich anerkannt ist das Alevitentum in der Türkei nicht. Der Name der Aleviten leitet sich von Imam Ali ab: Die Aleviten verehren den Schwiegersohn und Cousin des Propheten Mohammed. Entstanden ist die Religion vermutlich im 13. Jahrhundert in Anatolien in der Türkei. Doch in der Wissenschaft gibt es mehrere Auffassungen über die Entstehungszeit des Alevitentums. Eine Position lautet wie folgt: Aleviten vertraten im Gegensatz zu den Sunniten die Auffassung, der Prophet Mohammed habe kurz vor seinem Tod im Jahr 632 seinen Schwiegersohn Ali zu seinem rechtmäßigen Nachfolger bestimmt. Als Nachkommen des Propheten Mohammed haben auch die zwölf Imame eine zentrale Bedeutung in der alevitischen Glaubenslehre und Kultur. Sie sollten nach dem Tod des Propheten Mohammed als tugendhafte Führungspersonen die islamische Gemeinschaft führen.

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Die Geschichte der Aleviten ist geprägt von Diskriminierung, Verfolgung und Völkermorden. Jahrhundertelang wurden sie in der Türkei verfolgt und konnten ihre Religion nur im Geheimen praktizieren. Von osmanischen Machthabern und religiösen Führern wurden sie als Ungläubige bezeichnet. Doch auch mit dem Fall des Osmanischen Reiches und mit Gründung der Türkischen Republik 1923 endete die Alevitenverfolgung nicht: In den dreißiger Jahren lebten im Gebiet um die Provinz Dersim rund 150.000 kurdische Aleviten, die von den sunnitischen Türken verächtlich als „Kisilbasch“ (Rotköpfe) bezeichnet wurden. Im Sommer 1937 eskalierten dort die Ereignisse, als türkische Soldaten Dörfer niederbrannten und einfache Menschen ermordeten, darunter auch Frauen und Kinder. Etwa 70.000 Aleviten fielen diesen Angriffen zum Opfer, 50.000 Menschen wurden verschleppt. Hilferufe der Aleviten an den Völkerbund blieben ohne Antwort. Weitere Massaker folgten 1978 in Maras und 1980 in Corum.

Jenes Massaker, das als Wendepunkt in der alevitischen Geschichte gesehen wird, ereignete sich am 2. Juli 1993 in der zentralanatolischen Stadt Sivas. Am Rande eines alevitischen Kulturfestes wurden 37 Menschen getötet. Unter ihnen Intellektuelle, liberale Demokraten, Sänger, Karikaturisten und Dichter. Auf einem nichtkommerziellen Festival wollten sie sich austauschen, Kunst und Politik verbinden. Doch stattdessen legte ein wütender Mob von sunnitischen Islamisten und rechtsradikalen Nationalisten ein Feuer im Hotel „Madimak“. Die Sicherheitskräfte griffen erst Stunden später ein. Zu spät.

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Dieses Massaker in Sivas, der Geburtsstadt meiner Eltern, stellt einen Wendepunkt in der Geschichte der Aleviten dar – und ist die erste Erinnerung, die ich an meine Religion habe. Aleviten aus aller Welt solidarisierten sich nach dem Vorfall und hatten keine Angst mehr, ihre Stimme zu erheben. In zahlreichen europäischen Städten wurden neue Kulturvereine gegründet. In der Jugendsprache würde man wohl sagen, diese Zeit war das „coming out“ der Aleviten. Eine Aufarbeitung des Verbrechens hat jedoch bis heute nicht stattgefunden.

Glaubensinhalte werden mündlich weitergegeben

Als Vierjährige nahm ich 1993 zum ersten Mal an einem „Cem“-Gottesdienst teil und kam so in Berührung mit meiner Religion. „Cem“ bedeutet wörtlich übersetzt „Zusammenkommen“, ein religiöses Zusammenkommen der Gemeinde. Vielen ist der Name Cem wahrscheinlich als männlicher Vorname bekannt – auch mein jüngerer Bruder heißt so. Die Zeremonie fand damals in einer Turnhalle statt. Die Gemeindemitglieder saßen auf dem Boden, es wurden religiöse Gedichte vorgetragen und Trauerlieder gesungen, begleitet von der Langhalslaute Saz. Der religiöse Kreistanz Semah, eine Art Gebetsform, wurde sowohl von Männern als auch Frauen getanzt – und es gab kleine Geschenke für die Kinder. Welche Bedeutung diese Zeremonie für meine Großeltern und Eltern kurz nach dem Massaker haben musste, verstand ich erst Jahre später. Bis heute dienen die Cem-Gottesdienste dazu, die alevitische Religionslehre weiterzugeben.

In der Wohnung meiner Großeltern, die seit Anfang der achtziger Jahre in Deutschland leben, hängen, seit ich denken kann, religiöse Bilder und ein Zülfikar, ein Abbild des Schwerts des Imam Ali, das für Aleviten als Identifikationssymbol dient. Oft wird es auch als Halskette oder Armband getragen. Für meine Oma väterlicherseits, die ich Babaanne nenne, spielt ihr Glaube eine wichtige Rolle. Verstecken will sie sich schon lange nicht mehr. Doch das war nicht immer so. Besonders als sie Anfang der achtziger Jahre nach Deutschland und hier in den Kontakt mit ihren sunnitischen Nachbarn kam, wurde ihr klar, welche Vorurteile es gegenüber Aleviten gab. Speisen und Trank wurden nicht angenommen, da diese als „unrein“ galten. Mit Geschichten wie diesen bin ich aufgewachsen. Sie haben mich traurig, aber vor allem wütend gemacht.

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Um uns vor Vorurteilen und Mobbing von Mitschülern schützen zu können, war es meinen Eltern immer wichtig, dass meine zwei jüngeren Geschwister und ich wissen, wo wir herkommen und an was das Alevitentum glaubt. Sie zwangen uns jedoch nie, die Religion auch auszuüben. Um ehrlich zu sein, empfand ich das Ausüben der Religion oftmals als Herausforderung. Aleviten legen den Koran nicht wörtlich aus, sondern suchen die Bedeutung hinter den Offenbarungen. Die Hauptquellen sind vielmehr religiöse Gedichte und Lieder, da Aleviten aufgrund ihrer Verfolgung und Unterdrückung lange Zeit gezwungen waren, ihre Glaubensinhalte mündlich weiterzugeben.

Keine unüberwindbare Grenze

Als Jugendliche fiel es mir immer schwer zu erklären, warum ich an Ramadan nicht fastete oder nicht in die Koran-Schule ging. Um nicht in Erklärungsnot zu geraten und auch aus Angst vor der Reaktion meiner sunnitischen Mitschüler vermied ich das Thema Religion. Lange Zeit sprach ich nicht aus, dass ich Alevitin sei. Mit dem Alter wuchs jedoch der Frust über die Unwissenheit über meine Religion – und gleichzeitig wuchs auch mein Interesse. Ich wollte mich vor Lehrern und Freunden erklären können. Als Teenager bekam ich von meiner Tante Teyze ein Buch über das Alevitentum in deutscher Sprache. Ich lernte, auf Fragen von interessierten Kolleginnen und Kollegen, Freunden und Bekannten selbstbewusst zu antworten. Das Sunnitentum und Alevitentum vergleiche ich seitdem nicht mehr mit „wie bei den Deutschen halt, evangelisch und katholisch“. Wenn ich heute gefragt werde, an was ich glaube, dann sage ich „an Humanismus“. Im Zentrum meines Glaubens steht der Mensch als eigenverantwortliches Wesen. Die Grundpfeiler der alevitischen Vorschriften sind in einem Satz vereint: „eline, beline, diline sahip ol“. Übersetzt heißt das „beherrsche deine Hände, deine Lende und deine Zunge.“ Mit den Händen können wir Menschen zum Beispiel auch stehlen, die Lende steht für Triebe sexueller Natur, und mit der Zunge solle man keine Unwahrheiten verbreiten. Den alevitischen Glauben prägen außerdem Werte wie die Gleichstellung der Geschlechter, Nächstenliebe, Bescheidenheit und Toleranz. Vor allem die Ablehnung der Scharia und die liberalen Auffassungen unterscheiden Aleviten von den Sunniten. Zeichen wie das Tragen eines Kopftuches oder eines Bartes sind bei Aleviten keine Maßstäbe der Frömmigkeit.

In Deutschland hat sich in den vergangenen dreißig Jahren eine starke alevitische Gemeinde zusammengefunden, die als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Heute leben schätzungsweise fünfhundert- bis achthunderttausend Aleviten in Deutschland. Meine jüngeren Cousins und Cousinen bekommen sogar alevitischen Religionsunterricht in einer staatlichen deutschen Grundschule angeboten. Für viele radikale Sunniten ist das bis heute nicht hinnehmbar. Aus dem Grund gibt es immer noch eine Vielzahl von Aleviten, besonders in der Türkei, die lieber unter sich bleiben. Die Türkei hat einen Minderheitenkonflikt, und das muss sichtbarer werden. Zum Glück gibt es auch Freundschaften und Partnerschaften zwischen unterschiedlichen Religionen – auch wie in meinem Fall zwischen Sunniten und Aleviten. Meine beste Freundin Merve ist Sunnitin, ich kenne sie seit fast dreißig Jahren, und unser Glaube stand nie zwischen uns. Freundschaft kennt keine Grenzen.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenrporträt / Güler, Aylin
Aylin Güler
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