Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Ob man Nächstenliebe lernen kann

Von Anke Schipp
11.12.2020
, 19:31
Wer die Gefahr durch das Coronavirus nicht ernstnimmt, benimmt sich, als würde er die Gefährdung und die Ängste anderer nicht anerkennen. Oder nicht einmal erkennen? Mit Empathie und Nächstenliebe ist es so eine Sache.

Weihnachten ist das Fest der Liebe und damit auch eine Zeit, in der wir an andere denken. Viele Menschen spenden in dieser Zeit Geld, kaufen Geschenke und helfen in besonderer Weise denen, die in Not sind. An den Nächsten zu denken, was im Christentum schlicht Nächstenliebe heißt, ist in diesem Jahr besonders wichtig gewesen, denn durch die Corona-Pandemie müssen die Menschen innerhalb einer Gesellschaft zusammenhalten. Nur wenn der Starke sich vor dem Virus schützt, kann der Schwache überleben. Wer zum Beispiel jung ist und keinen ernsthaften Krankheitsverlauf wegen Corona zu fürchten hat, muss sich trotzdem um die anderen sorgen, damit er auch bereit ist, sich an die Regeln zu halten.

Es gibt Menschen, die das nicht tun. Sie sehen sich zum Beispiel durch das Tragen von Masken ihrer Freiheit beraubt, und diese Freiheit ist ihnen offenbar wichtiger als das Leben der anderen. Deshalb gehen sie auf die Straße und demonstrieren als „Querdenker“. Letztlich können sich diese Menschen nicht gut in andere einfühlen, in deren Ängste und Sorgen.

Sich in andere Menschen hineinversetzen zu können nennt man auch Empathie. Ein Wesenszug, den jeder Mensch in sich trägt, denn Empathie ist genetisch vorgegeben. Sie hat sich im Laufe der Evolution, also unserer Entwicklung als Menschen, ausgebildet und mit den Jahren verstärkt. Als Lebewesen innerhalb einer Gruppe sind wir darauf angewiesen, uns bis zu einem gewissen Grad in jemand anderen hineinversetzen zu können. Dadurch können wir sein Verhalten vorausnehmen und gegebenenfalls darauf reagieren. Schon Babys können mitfühlen und fangen an zu weinen, wenn andere Babys weinen. In Experimenten hat man außerdem festgestellt, dass Kleinkinder bereit sind zu helfen, wenn Erwachsene eine Opferrolle spielen.

Allerdings haben Forscher der Universität Cambridge herausgefunden, dass die Rolle der Gene dabei nur zehn Prozent ausmacht. Viel wichtiger sind Sozialisation, Erziehung und Erfahrung, die dazu führen, ob aus uns ein empathischer Mensch wird oder eben jemand, der in erster Linie an sich und sein eigenes Wohlergehen denkt und nicht bereit ist, anderen zu helfen.

Die gute Nachricht ist: Empathie kann man trainieren. Es ist eine soziale Kompetenz, die auch in der Schule wichtig ist. Wer über ein hohes Empathievermögen verfügt, ist zum Beispiel weniger bereit, andere zu mobben. Kinder müssen (und können) daher lernen, wie jemand anderes fühlt. Sie sollten wissen, dass ihr Verhalten jemand anderen stören kann, weil er vielleicht ein anderes Empfinden von Lautstärke hat. Oder dass es wichtig ist, jemanden zu trösten, wenn er sich wehgetan hat, und nicht einfach darüber hinweg zu gehen. Beim Thema Mobbing ist es wichtig, dass ein Täter auch die Perspektive des Opfers einnimmt. Deshalb sind Rollenspiele, in denen man für kurze Zeit jemand anders ist, für Kinder ein gutes Mittel, um diese Fähigkeiten zu stärken. Wichtig dabei ist, dass Kinder (und Erwachsene) dann noch den Schritt vom bloßen Mitfühlen zum aktiven Handeln schaffen. In Zeiten wie diesen heißt das zum Beispiel: Maske anziehen, Abstand halten, Hände waschen. Damit man die schützt, die ein hohes Risiko haben, an dem Virus zu sterben.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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