Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Ob Videospiele auch Sport sein können

Von Sebastian Reuter
28.08.2020
, 16:18
Immer mehr Kinder und Jugendliche zocken gerne an Computer oder Playstation. Ob das auch Sport ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.
Immer mehr Kinder und Jugendliche zocken gerne an Computer oder Playstation. Ob das auch Sport ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Bild: Lucas Bäuml
Die Leute, die mit Videospielen viel Geld verdienen und Tausende Zuschauer haben, heißen „E-Sportler“. Trotzdem heißt es zuhause oft, man soll lieber mal Sport machen, statt immer nur zu zocken. Wie denn nun?
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„Jetzt zockt doch nicht den ganzen Tag am Bildschirm, macht lieber Sport!“ Aufforderungen wie diese kennen viele Kinder und noch mehr Jugendliche. Aber heißt es nicht immer mal, dass Videospiele auch Sport sind? Haben nicht gerade erst, zu Beginn der Corona-Zeit, sogar berühmte Sportler bei Video-Spielen in ihrer Sportart gezeigt, was sie draufhaben? Ob Videospiele Sport sind, wird nicht nur in Familien, am Küchentisch oder im Kinderzimmer diskutiert, sondern auch von Sportvereinen und –verbänden oder in der Politik.

Gerade jetzt, wenn der Herbst kommt, klingt die Idee doch einigermaßen verlockend: Im Fitnessstudio ist es zu voll, zum Joggen ist es zu nass und zu windig und der Weg zum nächsten Hallenbad ist ziemlich weit. Warum also nicht einfach zwei Stunden ohne Pause mit dem Controller in der Hand vor dem Bildschirm zocken, bis die Finger wund sind und der Kopf ganz müde ist?

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Millionen Menschen in Deutschland, jüngere wie ältere, zocken mittlerweile mehrmals in der Woche oder sogar täglich am Computer, dem Smartphone oder an der Konsole ein Videospiel. In den aufziehenden dunklen und kalten Tagen dieses Corona-Jahres dürften nochmal ein paar Gaming-Fans hinzukommen. Manche zocken schon länger und sind so gut darin, dass ihnen bei Online-Turnieren über das Internet sehr viele Menschen dabei zusehen, wie sie ihre virtuellen Alter-Egos durch Fantasy-Welten, historische Kriegsschauplätze oder über Rennstrecken führen. Sie gewinnen teilweise hohe Preisgelder und werden „E-Sportler“ genannt. Für sie gilt: Wer Sport treibt, muss noch lange nicht ins Schwitzen geraten oder am nächsten Tag einen Muskelkater haben.

Bild: F.A.Z.

Doch längst nicht alle sind der Meinung, dass das Zocken von Computerspielen auch tatsächlich als Sport anerkannt werden sollte. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zum Beispiel ist dagegen und verweist seit einigen Jahren auf eine Reihe von Voraussetzungen, welche die „E-Sportler“ angeblich nicht erfüllen. Der DOSB ist wichtig, er ist der Dachverband des deutschen Sports, und in seiner Aufnahmeordnung ist von Bedingungen wie einer „eigenen, sportartbestimmenden motorischen Aktivität“ die Rede, also von ausreichend körperlicher Bewegung, von der „Einhaltung ethischer Werte“ wie den Verzicht auf jegliche körperliche oder verbale Gewalt und von bestimmten organisierten Verbandsstrukturen, also von Vereinen für eine Sportart und ihren Zusammenschlüssen.

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Im vergangenen Jahr hat der DOSB zu der Frage sogar von einem Juristen ein hundertzwanzig Seiten starkes Gutachten erstellen lassen – und ist zu dem für ihn endgültigen Schluss gekommen, dass „E-Sport“ nicht als „echter“ Sport anzuerkennen sei. Das hat vor allem rechtliche und steuerliche Hintergründe. Sport gilt in Deutschland nämlich gemeinhin als „gemeinnützig“ und genießt deswegen eine besondere Förderung.

Sollte Gaming also genauso gefördert werden wie Fußball, Turnen oder Schwimmen? Auch die „E-Sport“-Befürworter haben über die Jahre eine lange Liste an Argumenten gesammelt: Dem Gaming fehle die „motorische Aktivität“? Schach und Schießen würden schließlich auch als Sport anerkannt, und da bewege man sich noch weniger, lautet die Antwort. Außerdem halte sich die körperliche Anstrengung auch bei Dart-Profis und Bogenschützen in engen Grenzen, wobei die Anforderung an Kopf und Konzentration dagegen umso höher sei. Ähnlich ist es bei „E-Sportlern“, wie eine Untersuchung der Sporthochschule Köln schon vor einigen Jahren gezeigt hat: Wenn sie am Computer oder an der Konsole gegeneinander antreten, klicken sie mehrere hundert Male in der Minute auf Tastatur, Maus oder Controller und behalten gleichzeitig das wilde Geschehen auf dem Monitor permanent im Blick. Wer sich nur kurz ablenken lässt, hat schon verloren.

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Auch auf den Vorwurf, es würden bei einigen Spielen wie dem Ego-Shooter „Counter Strike“ ethische Werte nicht geachtet und virtuelle Gewalt ausgeübt, haben die Zocker eine Antwort: Schließlich werde beim Fechten oder Boxen auch Gewalt simuliert oder tatsächlich ausgeübt. Zudem hätten auch sie seit fast drei Jahren mit dem E-Sportbund Deutschland einen eigenen Dachverband, und gleichzeitig gebe es immer mehr Amateursportvereine, die in neu geschaffenen Abteilungen Kindern und Jugendlichen auch Gaming-Angebote machten, in denen zusätzlich darauf geachtet werde, dass die Teilnehmer nicht zu lange zocken und zwischendurch zum Ausgleich auch mal eine Runde mit dem Ball spielen.

Die Debatte, ob „E-Sport“ Sport ist, ist also ziemlich festgefahren – und trotzdem oftmals noch in vollem Gange. Zuletzt hat sogar die altehrwürdige ARD-„Sportschau“ im Fernsehen eine Sondersendung zu dem Thema organisiert, und auch die Politik hat sich vor einiger Zeit in die Diskussion eingeschaltet. Die Koalition aus Union und SPD hat die Förderung des digitalen Sports sogar in ihren gemeinsamen Vertrag aufgenommen, und auch mehrere Landesregierungen haben sich schon eingehend mit dem Gaming beschäftigt. Allerdings ist dabei bislang außer vielen warmen Worten noch nicht viel herumgekommen.

Wahr ist aber auch: „E-Sport“ ist mittlerweile in Deutschland und auf der ganzen Welt ein Millionengeschäft geworden, das ganze Arenen füllt, Zigtausende vor den Livestream holt und an dem die unterschiedlichsten Leute und Gruppen ihre Interessen haben. Viele Spieler, Entwickler, Sponsoren und Turnierorganisatoren verdienen eine Menge Geld mit dem Gaming und seinen Fans, eben auch, weil sich die Zocker als Sportler bezeichnen – oder bezeichnen lassen.

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Viele Beteiligte vergessen ihre skeptische Sichtweise zum Gaming, wenn es ihnen selbst etwas nützt: In der Hochphase der Corona-Pandemie im März und April, als so gut wie alle Sportveranstaltungen abgesagt werden mussten, hielten es viele Event-Organisatoren und Vereine für eine gute Idee, „echte“ Sportstars aus der Bundesliga, der NBA oder der Formel 1 virtuell im Fußball, Basketball und auf der Rennstrecke gegeneinander antreten zu lassen, um ihren Fans zumindest ein wenig „Live-Sport“ zu bieten. Da wurde dann zwar hauptsächlich „Fifa“, NBA2k“ oder „F1“ gezockt, doch der Sprung von den Sport-Simulationen hin zu „klassischen“ Games wie „League of Legends“ und „Dota“ ist nicht sonderlich groß – und wirtschaftlich vielversprechend.

Für den organisierten Sport ist es also gar nicht so einfach, sich vom „E-Sport“ loszusagen, Kindern und Jugendlichen zu erklären, dass stundenlanges Zocken vor dem Bildschirm schlecht für die Gesundheit ist – und gleichzeitig das große Geschäft machen zu wollen. Illusionen sollte sich trotzdem niemand machen: Wer zuhause auf dem Sofa lümmelt und bei schlechtem Wetter zwei Stunden an der Konsole zockt, betreibt noch lange keinen Sport. Da hilft nur, den inneren Schweinehund zu überwinden und im Nieselregen ein paar Kilometer laufen zu gehen.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Reuter, Sebastian
Sebastian Reuter
Leitender Redakteur vom Dienst.
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