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Was manche Leute gegen die Fußball-WM 2022 haben

Von Christoph Becker
16.04.2021
, 19:49
Eigentlich müssten sich alle auf die Fußball-WM im nächsten Jahr freuen: die Fans und die Fußballspieler. Stattdessen sprechen manche Länder darüber, ihre Mannschaft gar nicht erst hinzuschicken. Aus Protest.

Kein Tag hat den Fußball der jüngsten Vergangenheit, der Gegenwart und der näheren Zukunft so beeinflusst wie der 2. Dezember 2010. Damals haben 22 Männer in Zürich entschieden, wo zwei Weltmeisterschaften stattfinden sollen: Die von 2018 in Russland, dem größten Land der Erde, die von 2022 in Qatar, einem arabischen Emirat, deutlich kleiner und deutlich reicher als zum Beispiel das Bundesland Thüringen.

Schon Wochen vorher war die Frage aufgetaucht, ob diese Entscheidung vielleicht mit Geld beeinflusst werden sollte. Dabei soll ja nicht das Land eine WM ausrichten, das denen, die das entscheiden, heimlich am meisten Geld zusteckt, sondern das Land mit dem besten Plan und den besten Voraussetzungen unter den Bewerbern. Journalisten der Londoner „Sunday Times“ hatten wie Detektive nachgeforscht und waren sicher, dass zwei dieser 22 Wahlberechtigten, der Mitglieder der Exekutive des Internationalen Fußball-Verbandes Fifa, bei der Wahl für ein bestimmtes Land als Gastgeber der Weltmeisterschaft stimmen würden, weil sie dafür bezahlt werden. Es sind später noch mehr Einzelheiten darüber bekannt geworden, was da alles läuft. Nicht nur bei der Entscheidung im Dezember 2010, sondern zum Beispiel auch bei der, die vorher schließlich Deutschland zum Gastgeber der WM 2006 bestimmt hatte. Der Internationale Fußball-Verband wurde zum Inbegriff dafür, dass man Entscheidungen einfach kaufen kann – zum Inbegriff für Bestechung oder Korruption, so die Fachwörter dafür. Die Empörung war so groß, dass ein paar Jahre später, im Jahr 2015, auch Joseph Blatter gestürzt wurde, der Präsident des Verbands.

Die erfolgreichen Bewerber aus Qatar sagen bis heute, sie haben die Weltmeisterschaft nicht durch Bestechung erlangt. Die jüngste Anklageschrift amerikanischer Staatsanwälte in der ganzen Korruptionsgeschichte mit der Fifa behauptete im April 2020, drei südamerikanische Mitglieder hätten dafür Geld bekommen, ihre Stimmen Qatar zu geben. Zwei von ihnen sind inzwischen tot, der dritte, der frühere Chef des brasilianischen Fußball-Verbands, verlässt seine Heimat in Südamerika einfach nicht. Da können die Strafverfolger in Nordamerika nichts machen.

Qatar hat den großen Plan, Macht und Einfluss im Sport, insbesondere im Fußball zu gewinnen. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ist der wichtigste Baustein dabei. Vor zehn Jahren übernahm der Staatsfonds des Emirats außerdem einen der besten französischen Fußballklubs, Paris Saint-Germain. Dadurch wurde der Herrscher von Qatar Eigentümer des Klubs, der von einem Vertrauten geführt wird. Dieser Manager wurde vom Emir zum Minister ohne Amt ernannt, er führt einen Sportsender in Qatar und sitzt in der Exekutive des Europäischen Fußballverbandes Uefa. Darüber hinaus unterstützt Qatar über Sponsoring-Verträge seiner Fluglinie „Qatar Airways“ die Fifa und eine Reihe von Spitzenklubs in aller Welt, darunter den FC Bayern München. Fanklubs der Münchner kritisieren das seit Jahren. Theo Zwanziger, der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, sah sich 2016 einer Klage Qatars ausgesetzt, weil er das Emirat als „Krebsgeschwür des Fußballs“ bezeichnet hatte. Zwanziger gewann den Prozess.

Nicht nur Qatar, sondern weniger aufsehenerregend auch seine Nachbarstaaten Abu Dhabi und Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten haben im Laufe des zurückliegenden Jahrzehnts massiv in den europäischen und internationalen Klubfußball investiert. Dort ist die Menschenrechtslage vergleichbar schlecht und der Neid auf Qatar groß. Das sieht man daran, dass es dreieinhalb Jahre lang eine Blockade Qatars unter anderem durch die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien gab. Dort stehen die Nöte der Millionen armen Menschen, die zum Arbeiten in diese Länder gekommen sind, nicht in dem Maße unter Beobachtung wie in Qatar. Im Februar hat die britische Zeitung „The Guardian“ veröffentlicht, wie viele solcher Arbeiter aus den Staaten des indischen Subkontinents seit der Vergabe der WM in Qatar gestorben sind. Aus den Nachbarstaaten kommen solche Nachrichten kaum in die Schlagzeilen europäischer Medien, und noch seltener sorgen sie für entsprechenden Aufruhr.

Die künftigen WM-Gastgeber – und auch die Fifa – verweisen seit Jahren auf Bemühungen, die Menschenrechte zu wahren, etwa durch die Abschaffung des „Kafala“-Systems, das Arbeitnehmer bislang an ihre Arbeitgeber gekettet und sehr stark von ihnen abhängig gemacht hat. Inzwischen wurde auch erlaubt, dass Fans in WM-Stadien Regenbogenfahnen schwenken dürfen – ein Erkennungszeichen von Homosexuellen, also von und für Menschen, die Menschen des gleichen Geschlechts lieben. Homosexualität steht in Qatar trotzdem weiter unter Strafe. Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften betonen, dass solche Verbesserungen nur unzureichend umgesetzt werden. Und dass die allgemeine Aufmerksamkeit für Qatar wegen der WM das Land überhaupt erst dazu bringt, solche Zugeständnisse zu machen.

Als im März in Europa die ersten Fußballspiele stattfanden, bei denen entschieden wird, welche Nationalmannschaften überhaupt zum WM-Turnier fahren dürfen, haben erstmals Spieler wie der Deutsche Toni Kroos so deutlich wie nie zuvor über die Umstände der WM 2022 gesprochen. Auch wenn der Arbeitgeber von Toni Kroos, der spanische Fußballverein Real Madrid, durch Dubais Fluggesellschaft Emirates gesponsert wird. Zugleich setzen sich Fanvertreter etlicher europäischer Klubs dafür ein, einfach aus Protest nicht am Turnier teilzunehmen.

In Norwegen wird das Thema im Juni auf einer Sondersitzung des Fußball-Verbandes verhandelt. In dieser Woche erklärten die im Verein organisierten Fans des Klubs Bröndby IF aus der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, sie seien gegen den „Verrat des Fußballs“. So nennen sie das Turnier in Qatar. In Qatar selbst werden solche Vorwürfe häufig als Ausdruck dafür gewertet, dass Europa andere Sichtweisen als die eigenen nicht gelten lassen will und außerdem etwas gegen den Islam hat, gegen die Staatsreligion in Qatar. Die ursprüngliche Absicht, das Turnier bei sommerlicher Gluthitze auszutragen, gab das Land schon im Jahr 2015 auf. Seither steht fest, dass die WM 2022 am 21. November beginnen soll.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
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