Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Wann eigentlich Weihnachten ist

Von Fridtjof Küchemann
25.12.2020
, 18:59
Die einen feiern am 24. Dezember Weihnachten, die anderen am Tag danach, und wieder andere sogar erst zwei Wochen später: Ausgerechnet bei einem unserer größten Feste gibt es ein großes – und interessantes – Durcheinander.

Wann Weihnachten ist? Blöde Frage, klar Fall, werden jetzt alle rufen, am 24. Dezember. Aber so klar ist das gar nicht. Es gibt nämlich Länder gleich nebenan, in denen wird Weihnachten erst am 25. Dezember groß gefeiert. Und Länder, ein bisschen weiter weg, in denen Weihnachten sogar erst am 7. Januar gefeiert wird. Wie kann es sein, dass sich die Leute da nicht einig sind, bei einem so großen und wichtigen Fest, an dem die Christen die Geburt Jesu feiern und viele, viele Menschen mehr einfach so, mit ihrer Familie oder ihren Freunden?

Das liegt daran, dass Jesus vor über zweitausend Jahren geboren wurde. Und zwar – jeder, der die Weihnachtsgeschichte kennt, weiß das – unter furchtbaren Bedingungen: auf Reisen, ohne Hilfe von Ärzten oder Hebammen, nicht einmal in einem richtigen Haus, sondern in einem Stall. Und selbst damit, dass sie in diesem Stall unterkommen konnten, hatten Maria und Josef noch Glück gehabt. Heute wird es bei uns gleich amtlich aufgeschrieben, wenn ein Kind auf die Welt gekommen ist, wer die Eltern sind und wie es heißen soll. Das war aber nicht immer so, erst recht nicht bei Kindern einfacher Leute wie einem Zimmermann und seiner Frau unterwegs.

Dass Jesus einmal so wichtig werden würde, hat damals ja noch kaum einer gewusst: Maria hat es schon einige Zeit vor der Geburt von einem Engel gesagt bekommen, und die Hirten, die dann zur Krippe geeilt sind, haben es danach gleich von einer ganzen Engelsschar erzählt bekommen. Aber als sie es dann weitererzählt haben, haben sie das Datum ganz sicher nicht miterzählt. Einige von ihnen wussten bestimmt nicht einmal, welchen Tag sie hatten, die meisten konnten wohl nicht lesen und schreiben, und überhaupt hat man die Tage und Monate und Jahre damals noch ganz anders gezählt als heute. Das macht das alles natürlich etwas kompliziert.

Es hat noch ein paar hundert Jahre gedauert, bis ein Mönch im Jahr 525 den Vorschlag gemacht haben soll, bei der Jahreszählung mit der Geburt Christi noch einmal von vorne anzufangen. Vorher haben die Menschen zum Beispiel von der Gründung der Stadt Rom an gezählt oder vom Herrschaftsbeginn ihres Königs. Wenn man das Geburtsjahr Jesu allerdings mit dem heutigen Wissen nachrechnet, ist da irgendwie der Wurm drin, und Jesus müsste eigentlich im Jahr 2 oder 1 vor oder im Jahr 1 nach Christi Geburt geboren worden sein. Dabei ist König Herodes, der ihn gleich nach der Geburt, so sagt die Bibel, töten lassen wollte, selbst schon im Jahr 4 vor Christi Geburt gestorben. Und Quirinus, der zur Zeit der Geburt „Landpfleger von Syrien“ war, wie es in der biblischen Weihnachtsgeschichte heißt, damit die Leute eine Ahnung haben, wann das alles passiert sein soll, hatte dieses Amt erst in den Jahren 6 und 7 nach Christi Geburt. Hier stimmt also etwas nicht.

Für Reisende in Bethlehem

Aber die Jahreszahl war ja auch gar nicht unsere Frage, sondern die nach dem Tag. Es waren Kirchenväter, also Leute, die vor Jahrtausenden großen Einfluss in Glaubensfragen hatten, die auf die Idee gekommen waren, Weihnachten zu feiern. Ursprünglich wohl als Fest für die Leute, die ins Heilige Land gepilgert sind, also eine Glaubensreise in die Gegend gemacht haben, in der Jesus gelebt haben soll.

Man wusste ja, wo Jesus geboren worden ist: in Bethlehem. Es gab sogar im 4. Jahrhundert schon eine Kirche dort. Aber heute weiß man nicht mehr genau, warum sich der 25. Dezember als Weihnachtstag durchgesetzt hat. Weil zu der Zeit sowieso gefeiert wurde, die Wintersonnenwende nämlich, sagen die einen. Aber andere Forscher sind überzeugt, dass es der 25. Dezember geworden ist, weil just an dem Tag gerade noch kein anderes Fest von Leuten im Kalender stand, die nicht an Gott glaubten.

Wer legt den Kalender fest?

Haben wir jetzt alles verraten, der 25. Dezember also? Nicht nur bei den Christen, sondern auch im Judentum und im Islam beginnen die großen Feiertage mit Einbruch der Dunkelheit am Vorabend. Der 24. Dezember heißt genau deswegen Heiligabend – nicht Heiligtag und auch nicht Weihnachten. Die Geschäfte sind vormittags noch geöffnet. Im Kalender hat er nicht die gleiche Farbe wie Sonn- oder Feiertage. In England zum Beispiel ist der Heiligabend gar nicht so wichtig. Da geht das fest erst am Morgen des Ersten Weihnachtstages richtig los. Woran dieser Unterschied liegen könnte? Am späten Heiligabend haben, erzählt die Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium der Bibel, nur die Hirten von der Geburt Jesu erfahren. Dann „breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war“, sie verbreiteten also, was sie über das Kind gehört hatten. Vielleicht möchte, wer schon Heiligabend feiert, irgendwie gern zu Hirten gehören, zu denen, die ganz früh von Christi Geburt erfahren haben, direkt von den Engeln. „Des lasst uns alle fröhlich sein / Und mit den Hirten geh'n hinein, / Zu seh'n, was Gott uns hat beschert, / Mit seinem lieben Sohn verehrt“, heißt es in einem unserer beliebtesten Weihnachtslieder, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Martin Luther. Wer hingegen erst am Morgen des Ersten Weihnachtstags einsteigt, zählt sich wohl lieber zu den Menschen, die es von den Hirten gehört haben.

In Russland und einigen anderen Ländern geht das Weihnachtsfest zwar schon abends los, nämlich dann, wenn der erste Stern am Himmel zu sehen ist, aber nicht am 24. Dezember. Das liegt wieder an verschiedenen Arten, die Monate und Jahre zu zählen. Mehr als tausend Jahre nach der Idee mit der neuen Zeitrechnung, nämlich im Jahr 1582, hat ein Papst – das ist für die katholischen Christen der Stellvertreter Gottes auf Erden – den gregorianischen Kalender eingeführt, der ein bisschen von seinem Vorgänger, dem julianischen Kalender, abweicht. Nun sind nicht alle Christen Katholiken, und andere, nämlich die Orthodoxen, wollten sich nicht von einem katholischen Papst vorschreiben lassen, wie sie ihre Tage, Monate und Jahre zu zählen haben. Sie sind beim julianischen Kalender geblieben, und noch heute richtet sich das Weihnachtsfest vieler orthodoxer Christen nach dem julianischen Kalender. Und nach dem ist erst am 7. Januar unser 25. Dezember. Das ist alles ziemlich durcheinander, einigermaßen kompliziert, aber auch ganz interessant. Das Beste: Wir alle wissen trotzdem ganz genau, wann wir mit unseren Lieben Weihnachten feiern. Ob am 24. oder am 25. Dezember oder erst am 6. oder 7. Januar, das ist da gar nicht mehr so wichtig.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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