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Warum im Februar gleich drei Sonden den Mars erreichen

Von Ulf von Rauchhaupt
29.01.2021
, 16:31
Große Hoffnung der Vereinigten Arabischen Emirate: So soll ihre Sonde „Al Amal“ in Kürze den Mars umkreisen.
Große Hoffnung der Vereinigten Arabischen Emirate: So soll ihre Sonde „Al Amal“ in Kürze den Mars umkreisen. Bild: dpa
Sie heißen „Al Amal“, „Tianwen-1“ und „Perseverance“: Drei Sonden sind im vergangenen Sommer fast gleichzeitig auf der Erde gestartet und erreichen bald fast gleichzeitig den Mars. Hätte eine nicht gereicht?
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Es ist nicht so, dass unser Nachbarplanet Mars gerade völlig unbeobachtet wäre. Im Gegenteil. Zur Zeit wird er von sechs Sonden umkreist, die permanent Daten zur Erde funken. Und auf seiner Oberfläche operieren zwei Landeautomaten. Einer davon ist ein Rover, das bedeutet, er kann ferngesteuert über die Marsoberfläche fahren und dabei Fotos machen – inklusive Selfies – oder Felsen untersuchen, an denen er vorbeirollt.

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Aber das reicht offenbar nicht. Im vergangenen Juli sind innerhalb von zwei Wochen gleich drei neue Marssonden gestartet, und die kommen jetzt im Februar an: Den Auftakt macht voraussichtlich am 9. Februar „Al Amal“. Schon am Tag darauf könnte „Tianwen-1“ in die Marsumlaufbahn einschwenken, und das große Finale kommt dann nochmal acht Tage später, am 18. Februar, wenn der neue Rover „Perseverance“ auf der Oberfläche landen soll. Eigentlich hätte im Sommer 2020 sogar noch eine weitere Mission starten sollen, ebenfalls ein Rover. Aber das hat unter anderem die Corona-Pandemie verhindert. Sonst würden jetzt vier neue Sonden am Mars eintreffen.

Die Namen der drei verraten bereits, dass sie von verschiedenen Ländern losgeschickt wurden. „Al Amal“ ist Arabisch und bedeutet „Die Hoffnung“, denn diese Sonde haben die Vereinigten Arabischen Emirate gebaut. Das ist der Staat, der sich in Dubai bereits das höchste Hochhaus der Welt hat errichten lassen. „Tianwen-1“ klingt Chinesisch und ist es auch – es bedeutet so viel wie „himmlische Frage“ und „Perseverance“ ist Englisch für „Beharrlichkeit“. Dieser neue Marsrover kommt aus Amerika. Die fürs Erste verhinderte vierte Sonde, die dann erst in zwei Jahren am Mars ankommen wird, ist ein Gemeinschaftsprojekt Europas und Russlands.

Bild: F.A.Z.

Diese Internationalität ist nichts Neues. Zwar sind die beiden Landesonden, die schon jetzt auf dem Mars stehen, amerikanisch, aber von den sechs Orbitern sind drei aus Amerika, zwei aus Europa und einer kommt aus Indien. Warum das? Ist Marsforschung ein internationaler Wettbewerb geworden, so eine Art Olympia oder Weltmeisterschaft im All?

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Ein bisschen ist das tatsächlich so. Jahrzehntelang ist es allerdings ein reiner Zweikampf gewesen. Amerika und die Sowjetunion, der Vorläuferstaat Russlands, schicken seit 1960 Missionen zum Mars, wobei insbesondere in der ersten Zeit die meisten nicht heil ankamen. Von den insgesamt 55 Marssonden, die vor 2020 gestartet wurden, sind dreißig gescheitert. Erst 1976 gelange es den Amerikanern, auf dem Roten Planeten zu landen und Daten von dort zu übertragen. Die Europäer kamen erst 2003 zum Mars, die Inder 2014. Chinesen und Japaner haben es bisher jeweils einmal versucht, beide vergeblich.

Denn Marsmissionen sind schwierig, schwieriger als solche zum Mond. Man benötigt zum Beispiel dicke Raketen, um die Sonden aus dem Anziehungsbereich der Erde zu bekommen, und geschickte Bremssysteme, mit denen sie in eine Umlaufbahn um den Roten Planeten einschwenken können. Wenn eine Nation es schafft, so etwas zu entwickeln, kann sie zeigen, wie leistungsstark ihre Industrieunternehmen und wie fähig ihre Techniker sind. Allerdings muss man bescheiden anfangen. Die Sonde „Al Amal“ etwa haben die Emiratis mit amerikanischer Hilfe gebaut und mit einer japanischen Rakete starten lassen. Trotzdem freuen sie sich sehr darauf, bald eine eigene Sonde im Marsorbit zu haben.

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Auf dem Mars zu landen, ist noch schwieriger. Tatsächlich ist es schwerer als auf jedem anderen Himmelskörper des Sonnensystems, auf dem man überhaupt landen kann. Denn die Marsatmosphäre ist einerseits dicht genug, dass man sie beim Anflug berücksichtigen muss, andererseits aber zu dünn, als dass eine Landung mit Fallschirmen allein zu schaffen wäre. Überdies ist der Mars zu weit weg, um eine Landesequenz von der Erde aus steuern zu können. Stattdessen muss das Gerät sie völlig autonom durchführen. Und nochmal komplizierter ist es, eine Landesonde auf dem Mars herumfahren zu lassen, wie es die Amerikaner jetzt bereits zum fünften Mal vorhaben.

Trotzdem – oder gerade deswegen – wollen die Chinesen das jetzt alles auf einmal versuchen: Tianwen-1 soll einige Monate nach dem Einschwenken in den Marsorbit, ungefähr im April oder Mai, eine Landesonde abkoppeln, und von der soll nach der Landung ein kleiner Rover herabrollen und auf dem Mars herumfahren. Wenn ihnen das alles gelingt, wäre das ein toller Erfolg für das Land, allerdings hätten sie die Amerikaner am Mars noch lange nicht eingeholt. Denn die Gegend, in der sie Tianwen-1 landen lassen wollen, ist eine Tiefebene, die bereits 1976 das Ziel einer der beiden allerersten amerikanischen Landesonden gewesen war. Eine Landung ist dort vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen, da die Atmosphäre aufgrund der tiefen Lage im letzten Abschnitt dichter ist, was dem Fallschirm mehr Zeit zum Abbremsen gibt. Außerdem ist es dort sehr flach und es gibt keine größeren Steine, mit denen die Sonde zusammenprallen könnte. Dafür ist es auch die wissenschaftlich so ziemlich uninteressanteste Gegend des ganzen Planeten.

Der neue amerikanischen Rover „Perseverance“ dagegen soll in einem nur 49 Kilometer weiten Krater landen. Der war vor ungefähr vier Milliarden Jahren mit Wasser gefüllt, und Zuflüsse in diesen See haben eines der schönsten fossilen Flussdeltas des Mars hinterlassen. Dessen Ablagerungen könnten Spuren einstiger einzelliger Marslebewesen konserviert haben, wenn es so etwas jemals gegeben hat. Heute hat der Mars eine so dünne Atmosphäre, dass es dort zu trocken und zu kalt ist. Flüssiges Wasser würde dort entweder gefrieren oder verdampfen.

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In dem neuen internationalen Wettlauf zum Mars geht es also durchaus auch darum, Neues über den Mars herauszufinden, aber nicht allen Beteiligten im gleichen Maße. „Tianwen-1“ ist ganz überwiegend ein Unternehmen, mit dem China seinen Anspruch unterstreichen will, eine Großmacht zu sein. Mit „Al Amal“ wollen auch die Emiratis ihr Ansehen steigern, obwohl die Sonde ein klares und sinnvolles wissenschaftliches Ziel hat, nämlich das globale Wetter des Mars zu verfolgen. Der Rover der Amerikaner und ab 2023 auch der neue europäisch-russische dienen dagegen überwiegend der Beantwortung sehr interessanter wissenschaftlicher Fragen. Was nicht bedeutet, dass nicht auch diese Nationen mächtig stolz darauf sein werden, wenn ihnen die Sache gelingt.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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