Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum Erwachsene manchmal lügen

Von Sophia Fritz
08.10.2021
, 17:44
Es gibt gute Gründe, nicht zu lügen – manchmal sagen Erwachsene aber auch aus gutem Grund nicht die Wahrheit.
Es gibt gute Gründe, nicht zu lügen – manchmal sagen Erwachsene aber auch aus gutem Grund nicht die Wahrheit. Bild: Picture Alliance / Zoonar / Phongthorn Hiranlikhit
Eltern erwarten von ihren Kindern, nicht zu lügen. Und selbst? Haben sie manchmal doch gute Gründe, nicht die Wahrheit zu sagen.

Pinocchio bekommt eine lange Nase, wenn er lügt. Menschen nicht. Dabei können sie ganz besonders gut lügen, schummeln und tricksen: Manchmal erfinden Menschen eine ganze Geschichte neu. Andere Male schmücken sie ein Erlebnis etwas aus und machen es dadurch etwas aufregender oder harmloser, als es in Wirklichkeit war. Oder sie verheimlichen etwas und lassen einen Teil der Geschichte aus, so dass der Zuhörende nicht die ganze Wahrheit erfährt.

Man kann andere Menschen belügen – aber auch sich selbst. Man kann sich zum Beispiel einreden, dass man eine wichtige Aufgabe „später“ erledigen wird, um jetzt mit gutem Gewissen in Ruhe spielen zu können – obwohl man eigentlich weiß, dass man das später auch nicht machen möchte.

Wenn Eltern ihre Kinder anlügen, dann oft, weil sie nicht wollen, dass ihre Kinder sich um sie Sorgen machen. Oder weil sie nicht glauben, dass das Kind etwas an der Situation verändern könnte. So kann es sein, dass Eltern zum Beispiel Dinge auf der Arbeit oder in einer Beziehung erleben, von denen sie denken, dass Kinder sie noch nicht verstehen. Deshalb lassen sie diese Stellen manchmal aus, wenn sie erzählen. Das machen sie dann nicht, um zu lügen – sondern um die Kinder zu schützen.

Bild: F.A.Z.

Kinder fangen im Alter von drei bis vier Jahren an, zu schummeln oder zu lügen. Das finden Eltern meistens nicht so toll. Sie bringen Kindern bei, dass sie nicht lügen dürfen, oder dass das Lügen bestraft wird. Und trotzdem lügen auch Erwachsene. Sie schummeln aus verschiedenen Gründen. Zum Beispiel, weil sie sich einen Vorteil erhoffen. Wenn sie behaupten, dass sie ihre Abschlussarbeit selbst geschrieben haben, obwohl sie eigentlich von jemand anderem geschrieben wurde. Oder sie lügen, wenn sie an etwas nicht Schuld sein wollen. Wenn ihnen zum Beispiel eine teure Vase heruntergefallen ist oder sie einen Schlüssel verloren haben — dann können sie behaupten, das wäre jemand anderem passiert. Manche lügen, weil sie sich für etwas schämen. Wer sich zum Beispiel für seine Familie oder seine Herkunft schämt, der wird anderen vielleicht nicht von ihnen erzählen. Manche lügen sogar häufig und bewusst, um den Anderen zu verunsichern. Wenn sie zum Beispiel wollen, dass sich der andere schlecht fühlt, dann sagen sie ihm immer wieder, dass er etwas falsch gemacht hat, obwohl das gar nicht stimmt.

Obwohl Erwachsene mindestens genauso oft lügen wie Kinder, ist es Erwachsenen trotzdem oft sehr wichtig, dass Kinder die Wahrheit sagen. Das ist so, weil Erwachsene aufgrund ihrer langen Lebenserfahrung finden, dass sie manche Situationen besser einschätzen können. Besonders Eltern haben oft Angst um ihre Kinder. Sie geben ihren Kindern Freiheiten, und lassen sie zum Beispiel ohne Beaufsichtigung spielen. Wenn die Kinder dann wiederkommen und erzählen, was sie erlebt haben, können Eltern einschätzen, ob das, was passiert ist, so in Ordnung war. Wenn Kinder ihre Eltern anlügen oder einen Teil der Geschichte auslassen, dann können Eltern die Lage nicht mehr richtig einschätzen. Das macht ihnen Angst. Deshalb ermahnen sie Kinder so oft, sie nicht anzulügen.

Lügen können auch andere Dinge über Menschen verraten. Wenn ein Schulfreund zum Beispiel dauernd lügt, dann möchte er vielleicht einfach mehr Aufmerksamkeit. Oder er möchte sich besser und toller fühlen, als er sich eigentlich fühlt. Lügen machen erstmal niemandem zu einem schlechten Menschen. Sie können aber ein Signal dafür sein, dass jemand Zuhause zu wenig Liebe bekommt oder ihm sein Umfeld vermittelt, dass das, was er ist, nicht ausreicht. Er muss praktisch tolle Eigenschaften hinzuerfinden, um das Gefühl zu haben, gut genug zu sein.

Natürlich ist Lügen keine gute Eigenschaft. Wenn alle Menschen lügen würden, dann wüssten wir gar nicht mehr, was in Wirklichkeit passiert. Deshalb sind wir in der Gesellschaft darauf angewiesen, dass alle sich bemühen, die Wahrheit zu sagen. Die Frage ist, ob Lügen immer böse oder schlecht sind.

Da kommt es darauf an, ob jemand die Wahrheit erfahren möchte, weil er seinem Gegenüber nur das Beste wünscht und ihn beschützen möchte, so wie zum Beispiel Eltern ihre Kinder. Oder ob jemand die Wahrheit erfahren möchte, um den anderen zu beschämen oder ihn zu erpressen. Darüber hat sich zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer Gedanken gemacht. Dietrich Bonhoeffer hat im Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen die Nationalsozialisten und Adolf Hitler geleistet. Gleichzeitig war er Theologe und kannte sich gut mit der Bibel aus. In der Bibel steht, dass man nicht lügen soll.

Dietrich Bonhoeffer war häufig in einer Situation, in der er überlegen musste, ob es in Ordnung ist, zu lügen oder nicht. Denn als er lebte, wurde Deutschland gerade von den Nationalsozialisten regiert, die nur Schlechtes für die Gesellschaft wollten. Bonhoeffer kämpfte gegen die Nationalsozialisten und musste entscheiden, ob er sie anlügen durfte oder nicht. Wenn er den Nazis die Wahrheit erzählt hätte, hätte er zum Beispiel seine Freunde verraten müssen. Dagegen hat er sich geweigert. Er hat versucht, seine Freunde vor den Nazis zu schützen und hat deshalb gelogen. Das heißt, ob man lügen darf oder nicht, ist für Bonhoeffer auch davon abhängig, ob der andere das Recht auf die Wahrheit hat. Bonhoeffer hat auch ein Beispiel in seinem Buch „Ethik“ aufgeschrieben. Darin beschreibt er, wie ein Kind von seinem Lehrer vor der Klasse gefragt wird, ob es wahr ist, dass sein Vater oft betrunken nach Hause kommt. Das ist in der Geschichte zwar wahr, aber das Kind verneint es trotzdem. Das Kind verneint es deshalb, weil es seine Familie schützen möchte und spürt, dass das, was in seiner Familie vorgeht, nicht für die Ohren der ganzen Schulklasse bestimmt ist. Es versucht also, das Geheimnis seiner Familie vor der Klasse zu schützen.

Bonhoeffer sagt, der Lehrer hätte wissen müssen, dass das Kind diese Frage nicht vor der ganzen Klasse beantworten kann, aus Angst davor, dann gehänselt oder verspottet zu werden. Und dass das Kind seine Familie und seinen Vater schützen möchte. Deshalb liegt, nach Bonhoeffer, die Schuld für die Lüge beim Lehrer und nicht beim Kind.

Menschen erzählen die Wahrheit eher dann, wenn sie sich respektiert und sicher fühlen. Und wenn sie das Gefühl haben, dass sie für ihre Antwort nicht bestraft werden, ganz egal, wie die Antwort lautet. Eben nicht wie der Lehrer in dem Beispiel von Dietrich Bonhoeffer, der das Kind vor der ganzen Klasse etwas sehr Persönliches fragt. Sondern am besten in einer liebevollen und ruhigen Atmosphäre, in der sich alle Beteiligten wohl fühlen.

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Quelle: FAZ.NET
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