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Warum Menschen fasten

Von Gina Arzdorf
02.04.2021
, 15:34
Immer wieder hört man, dass Essen glücklich macht. Trotzdem wollen viele Menschen für eine Weile auf Nahrung verzichten. Welche Gründe hat das, und was passiert im Körper, wenn wir fasten?

Hunger haben ist kein schönes Gefühl. Wenn auch noch der Magen anfängt zu knurren, beeilt man sich, einen Happen zu essen, und meistens schmeckt es dann besonders gut. Trotzdem gibt es viele Menschen, die für eine bestimmte Zeit bewusst darauf verzichten, ihren Körper mit Nahrung zu versorgen, auch wenn sie großen Hunger haben. Das nennt man fasten.

Ursprünglich haben vor allem gläubige Menschen gefastet, denn in den meisten Weltreligionen ist das vorgeschrieben. Viele Christen zum Beispiel fasten jedes Jahr vierzig Tage, und zwar in der Zeit zwischen Aschermittwoch, also dem Tag nach Ende des Karnevals oder Faschings, und Ostern. Früher gab es sehr strenge Regeln, aber heute verzichten die meisten fastenden Christen nur noch an Aschermittwoch und an Freitagen auf Fleisch. Diese Regel steckt sogar noch im Wort Karneval, denn in der Sprache der alten Römer, auf Latein, heißt „Carne vale“ übersetzt „Fleisch lebe wohl“

Auf diese Weise erinnern sich solche gläubigen Christen an allen Freitagen und besonders am Karfreitag an Jesus, der an diesem Wochentag getötet wurde. Sie essen freitags kein Fleisch, denn Fleisch galt früher als Festessen. Man will aber am Karfreitag kein Fest feiern, sondern man trauert, weil Jesus gestorben ist. Abgesehen von dieser Tradition kann im Christentum heutzutage jeder in dieser Zeit fasten, wie er möchte: Manche essen keine Süßigkeiten, andere schauen kein Fernsehen oder trinken keinen Alkohol. Man sucht sich also etwas aus, das man sonst gerne und regelmäßig tut, und verzichtet für die Dauer der Fastenzeit darauf.

Erst wird gefastet, dann gefeiert

Warum man das macht? Um sich auf Ostern vorzubereiten – das wichtigste Fest im Christentum, an dem die Auferstehung Jesu gefeiert wird. Denn vor der Feier soll man erst einmal verzichten, heißt es. Das soll dabei helfen, sich auf das Wesentliche zu besinnen, und hat eine lange Tradition, die auf eine Geschichte aus der Bibel zurückzuführen ist: Schon Jesus hat in der Wüste vierzig Tage lang nichts gegessen.

Die Tradition des Fastens, um Gott näher zu kommen, gibt es nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen großen Religionen. Im Islam wird einen Monat lang gefastet. In diesem Monat, der Ramadan heißt, essen und trinken gläubige Muslime erst nach Sonnenuntergang. Für Menschen, die schwach, sehr alt oder krank sind, gilt diese Regel nicht, denn es ist ganz schön anstrengend, den ganzen Tag auf Nahrung und Flüssigkeit zu verzichten. Deswegen freuen Fastende sich besonders auf das Fastenbrechen, die Mahlzeit nach Einbruch der Dunkelheit. Für Muslime ist das oft ein Festmahl mit der ganzen Familie und mit Freunden. Richtig gefeiert wird dann nach dem Ende des Ramadan beim Fest des Fastenbrechens, das auch Zuckerfest genannt wird. Wie im Christentum findet im Anschluss an die Fastenzeit also eine große Feier statt.

Fasten, um dem Körper etwas Gutes zu tun

Auch im Judentum ist das Fasten vorgeschrieben. Dafür gibt es mehrere spezielle Tage, von denen der wichtigste den Namen Jom Kippur trägt. Auf Deutsch spricht man vom „Tag der Versöhnung“. An diesem heiligen Tag fasten gläubige Juden sehr streng, auch sie dürfen nicht nur nicht essen, sondern auch nichts trinken. Außerdem sollen sie sich nicht waschen und nicht arbeiten.

Wenn man großen Hunger und Durst hat, ist arbeiten aber auch fast nicht möglich, der Körper wechselt nämlich, wenn er keine neue Energie durch Nahrung mehr bekommt, in einen Energiesparmodus. Dann muss die Energie verwendet werden, die im Körper gespeichert ist – in Form von Zucker und Eiweiß. Wenn diese Reserven aufgebraucht sind, geht es an die im Körper gespeicherten Fette, und man fängt an abzunehmen.

Wegen dieses Effekts gibt es immer mehr Erwachsene, die fasten, obwohl sie gar nicht religiös sind. Ihnen geht es nicht darum, sich Gott nahe zu fühlen, sondern darum, ein paar Kilo zu verlieren. Und dann gibt es noch viele Menschen, die fasten, um dem Körper etwas Gutes zu tun. Die Nahrung, die wir zu uns nehmen, bereitet unserem Organismus nämlich manchmal ganz schön Probleme. Wenn man zum Beispiel zu viele Süßigkeiten oder eine große Portion fettiges Essen isst, kann es gut sein, dass Bauchschmerzen oder Übelkeit die Folge sind. Der Körper arbeitet auf Hochtouren und ist überfordert. Deswegen verdient er auch mal eine Pause, finden diese Fastenden und verzichten für ein paar Tage auf schwer verdauliche Nahrung. Sie nehmen dann ausschließlich sehr leichte Kost zu sich, die dem Körper keine Schwierigkeiten macht, oder sogar nur Flüssigkeit in Form von Säften, Gemüsebrühe oder Wasser. Auf diese Weise kann der Körper sich von innen reinigen.

Der Körper versucht, sich selbst auszutricksen

Wenn es ums Essen geht, wird die Energie, die wir zu uns nehmen, oft in Kalorien gemessen. Eine Kalorie braucht man, um ein Gramm Wasser um ein Grad Celsius zu erwärmen – also ein paar Tropfen Wasser ein kleines bisschen aufzuheizen. Normalerweise führen wir einem erwachsenen Körper täglich zweitausend Kilokalorien zu, und eine Kilokalorie sind sowieso schon mal tausend Kalorien. Mit dieser Menge könnte man das Wasser in einer ganzen Badewanne um 15 Grad wärmer machen – von viel zu kalt, um hineinzusteigen, zu gerade richtig warm.

Wir Menschen brauchen diese Energie zum Teil auch zum Heizen, um unsere Körpertemperatur zu halten, aber auch für jede Bewegung und zum Denken. Kinder und Jugendliche brauchen natürlich auch zum Wachsen Energie, deshalb müssen sie, wenn sie es überhaupt machen, beim Fasten ganz vorsichtig sein. Erwachsene nehmen, wenn sie streng fasten, keine zweitausend, sondern zum Beispiel nur fünfhundert Kilokalorien auf – also viel, viel weniger Energie. Menschen, die fasten, leiden oft unter Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit und natürlich großem Hunger. Nach dem Fasten allerdings fühlen sich viele Menschen um einiges besser, entspannter und ausgeglichener. Durch den Verzicht auf Nahrung kommen sie sich selbst näher, berichten viele, und sie lernen den eigenen Körper besser kennen.

Außerdem ist man nach einigen Tagen Fasten viel besser gelaunt. Das liegt daran, dass im Körper mehr Serotonin produziert und gespeichert wird. Das ist ein Hormon, das glücklich macht. So versucht der Körper, sich selbst auszutricksen, und täuscht über die Tatsache hinweg, dass er eigentlich Nahrung braucht. Den Hunger spürt man dann gar nicht mehr so sehr, und die Glücksgefühle überwiegen. Das war vor allem viel, viel früher wichtig, denn Steinzeitmenschen mussten oft unfreiwillig mehrere Tage auskommen, ohne zu essen, wenn sie keine Tiere erlegen konnten oder wenig Essbares gesammelt hatten. Es ist also ein Überbleibsel der Evolution, dass man auch nach mehreren Tagen ohne Essen glücklich ist. Nur zu fasten, um glücklich zu sein, sollte man trotzdem nicht. Da hilft es manchmal schon, einfach in einen Schokoriegel zu beißen, denn auch so wird das Glückshormon Serotonin freigesetzt.

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Quelle: FAZ.NET
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