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Warum sich Fußballklubs immer häufiger Spieler leihen

Von David Lindenfeld
14.01.2022
, 19:25
Die Leihe machte es möglich: Neymar und Mbappé haben im selben Jahr bei Paris Saint-Germain angefangen.
Die Leihe machte es möglich: Neymar und Mbappé haben im selben Jahr bei Paris Saint-Germain angefangen. Bild: Picture Alliance / DPPI media / Romain Biard
Wenn Fußballer den Verein wechseln, wird das seit Jahren immer teurer. Doch nicht erst seit der Pandemie können sich das viele Klubs nicht mehr leisten. Immer öfter werden Spieler deshalb einfach ausgeliehen. Klingt seltsam, hat aber seinen Sinn.
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222 Millionen Euro: Jeder, der sich zumindest ein bisschen für Fußball interessiert, hat schon mal von dieser unfassbar großen Zahl gehört. So viel Geld soll der französische Fußballklub Paris Saint-Germain im Sommer 2017 an den FC Barcelona bezahlt haben, um den Spieler Neymar zu verpflichten. Würde man sich von diesem Geld jeden Tag drei Kugeln Eis kaufen wollen, hätte man schon einige Millionen Jahre gelebt haben müssen, bevor die Dinosaurier ausgestorben sind, um das alles auszugeben.

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Spieler und Klubs schließen miteinander einen Vertrag, in dem geregelt ist, wie lange der Fußballer für diesen Verein spielen soll. Wenn der Vertrag endet, kann der Spieler zu einem anderen Verein wechseln, ohne dass sein bisheriger Verein dafür etwas bekommt. Das ist dann ein ablösefreier Wechsel oder Transfer. Wenn der Spieler vor Vertragsende den Verein wechseln will, bekommt der bisherige Klub vom neuen Geld, damit er einverstanden ist. Manchmal ist das unglaublich viel.

Dass im Fußball mittlerweile auf diese Weise so viel Geld für einen einzelnen Spieler ausgegeben wird, finden viele Leute nicht richtig. Sie sagen, dass der Sport den Bezug zur Realität verloren habe. Oder dass ein einziger Spieler niemals so viel Geld wert sein könne. Dabei kann sich das für Klubs unter Umständen durchaus lohnen. Mit den großen Superstars lässt sich nämlich auch viel verdienen. Und die Vereine gewinnen vielleicht mehr Spiele mit ihnen im Team als ohne sie.

Bild: F.A.Z.

Dass überhaupt immer mehr Geld für Transfers ausgegeben werden kann, liegt daran, dass das Interesse am Fußball so groß ist. Die Klubs verdienen immer mehr durch Werbung, Fernsehübertragungen und all das, was der Fan rund um die Spiele so kauft. Doch es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Ligen und Klubs: Weil die Menschen weltweit zum Beispiel besonders gern die englische Premier League schauen, bezahlen die Fernsehsender den englischen Klubs viel mehr, damit sie ihre Spiele übertragen dürfen, als zum Beispiel den deutschen Vereinen. Andere werden von Investoren unterstützt. Klubs wie Manchester City oder Paris Saint-Germain bekommen zum Beispiel viel Geld aus Staaten wie Abu Dhabi oder Qatar, weil diese so Macht und Einfluss im Sport gewinnen wollen. Auch das wird stark kritisiert, weil die Menschenrechtslage in diesen Ländern viel schlechter ist als zum Beispiel hier in Deutschland.

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Dass manche Klubs mehr Geld zur Verfügung haben als andere, hat große Auswirkungen auf den internationalen Fußball-Transfermarkt. Weil sie mehr für die besten Spieler ausgeben können, steigen die Preise an. Die Statistik zeigt: 2011 gaben Klubs weltweit noch 2,08 Milliarden Euro für Spieler aus. 2019 waren es 6,54 Milliarden Euro. In gerade einmal acht Jahren haben sich die Ausgaben also mehr als verdreifacht. Das geht aus einem in diesem Jahr veröffentlichten Bericht der Fifpro hervor, einer Organisation, die weltweit die Interessen der Profifußballspieler vertritt.

Für kleinere Klubs, die weniger Geld zur Verfügung haben, wird es immer schwieriger, Spieler zu kaufen, weil diese immer teurer werden. Die Fifpro schreibt deshalb in ihrem Bericht: „Die meisten Klubs haben nicht genügend Geld, um Spieler mit einer Ablösesumme zu verpflichten und sind auf freie Transfers angewiesen.“ Diese Vereine müssen dann kreativ werden, um weiterhin erfolgreich zu sein. Viele setzen vermehrt auf Spieler aus der eigenen Jugend, ablösefreie Transfers oder kaufen Spieler günstig ein. Der SC Freiburg ist ein Verein, dem das seit Jahren eindrucksvoll gelingt. Zur Winterpause stand der kleine Klub aus dem Schwarzwald gerade sogar in der Bundesliga auf Platz drei.

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Das Interessante ist, dass die gestiegenen Preise nicht dazu geführt haben, dass weniger Spieler den Verein wechseln. Obwohl sich immer weniger Klubs teure Spieler leisten können, hat sich die Zahl der Wechsel von 2011 bis 2019 verdoppelt. Das geht nur, weil immer mehr Spieler wechseln, wenn ihr Vertrag ausgelaufen ist und der aufnehmende Verein keine Ablösesumme zahlen muss. Doch es gibt noch ein weiteres Modell, das immer beliebter wird: die Leihe eines Spielers. Denn die bietet oft viele Vorteile für alle Beteiligten. Als Philipp Lahm, David Alaba, Serge Gnabry oder Toni Kroos noch jünger waren, verlieh der FC Bayern München sie alle an andere Klubs. Dort erhielten sie viel mehr Spielzeit als sie beim FC Bayern zu diesem Zeitpunkt erhalten hätten. In so einem Fall sind meist alle zufrieden: Der FC Bayern, weil sich die Spieler woanders entwickeln können. Der aufnehmende Verein, weil er in der Regel kostengünstig einen guten Spieler bekommt, den er sich unter normalen Umständen nicht leisten könnte. Und der Spieler, weil er viel spielt und im Anschluss gestärkt zu seinem Klub zurückkehrt.

Der Weltverband Fifa möchte das einschränken

Natürlich läuft nicht immer alles so glatt wie in diesen Fällen: Oft sitzen junge Spieler auch auf der Bank, weil sie sich nicht durchsetzen können oder der Trainer ihnen kein Vertrauen schenkt. Viele Klubs nutzen Leihen auch, um ihren Kader in der Breite besser aufzustellen, also für die einzelnen Positionen mehr als einen Spieler zur Wahl zu haben, oder sie reagieren mit ihnen auf die Verletzung eines Spielers. Ein weiterer Vorteil ist, dass so das Gehalt für einen Spieler eingespart werden kann.

Es gibt sogar Vereine, die mit den Leihen ein großes Geschäftsmodell entwickelt haben. Besonders in Italien ist es üblich, dass Klubs viele Spieler verpflichten und dann an andere Vereine weiterverleihen. Auch der FC Chelsea, der aktuelle Champions-League-Sieger, war dafür Jahre lang bekannt. Die Klubs schauen anschließend, wie sich die Spieler dort entwickeln. Wenn sie gut spielen, werden sie in die eigene Mannschaft integriert oder für viel Geld verkauft. Wenn sie schlecht spielen, lässt man sie einfach ziehen. Der italienische Klub AC Parma gab in der Saison 2013/14 nach Angaben des Portals transfermarkt.de 181 Spieler per Leihe ab. Der Weltverband Fifa möchte das allerdings künftig verhindern. Vor der Pandemie kündigte er an, eine Regelung beschließen zu wollen, um Leihen auf eine Maximalzahl zu beschränken. Wechseln können die Spieler ohnehin nur in der Sommertransferperiode, wenn die Saison beendet ist, oder in der Wintertransferperiode. Sie beginnt am 1. Januar. Auch im aktuellen Transferfenster ist wieder mit vielen Leihen zu rechnen.

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Ungefähr jeder vierte Spielerwechsel

Für sie gibt es verschiedene Vertragsmodelle. Zum einen besteht die Möglichkeit, einen Spieler wirklich nur für einen bestimmten Zeitraum auszuleihen. Dann wechselt der Spieler nach dem Ablauf dieser Zeit wieder zu seinem ursprünglichen Verein zurück. Zum anderen gibt es die Möglichkeit, dass sich Klubs eine Kaufoption sichern: Dann können sie sich entscheiden, ob sie den Spieler nach der Leihe für einen bestimmten Betrag kaufen wollen oder nicht. Auch Kaufpflichten gibt es, die greifen, wenn ein Spieler zum Beispiel eine bestimmte Anzahl von Einsätzen absolviert hat. Zudem müssen sich die Klubs stets noch einigen, wer das Gehalt des Spielers zahlt und wer für die medizinische Behandlung im Fall einer Verletzung aufkommt.

So laufen die Leihen im Fußballgeschäft schon seit Jahren ab. Dass es zuletzt mehr geworden sind, liegt auch an der Pandemie. Im Jahr 2020 und auch 2021 haben die Vereine weniger Geld ausgegeben als vor der Corona-Krise, wie Berichte der Fifpro und der Fifa zeigen. Dafür leihen sich die Klubs öfter Spieler: In den fünf großen europäischen Ligen stieg der Anteil von Leihen am gesamten Transfergeschehen von 23,1 Prozent vor der Pandemie im Jahr 2020 auf rund 30 Prozent. Weltweit ging im Sommer 2021 ungefähr jeder vierte Spielerwechsel mit einer Leihe einher.

Die Leihe als Trick

Doch nicht nur das Sparen ist ein Grund. Da die Preise für die Spieler so stark gestiegen sind, gehen die Klubs mit permanenten Verpflichtungen ein Risiko ein: Wenn sie viel Geld für einen Spieler bezahlt haben, sich dann aber herausstellt, dass dieser aus irgendeinem Grund doch nicht so gut zum Verein passt oder nicht so gut spielt wie gedacht, sinkt der Wert des Spielers – es wäre ein Verlustgeschäft. Um das zu verhindern, lieh sich der FC Bayern im Sommer 2017 zum Beispiel den Spieler James Rodriguez für zwei Jahre aus. Die Gebühr soll 13 Millionen Euro betragen haben. Anschließend hätten die Bayern James für 42 Millionen Euro kaufen können. Sie entschieden sich aber gegen einen Transfer. James hatte sie nicht überzeugt.

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Ein weiterer Grund sind die Regularien des europäischen Verbandes Uefa. Der hat nämlich 2015 das sogenannte Financial Fairplay eingeführt – eine Art Regelbuch für das Geldausgeben. Im Kern soll es gewährleisten, dass die Klubs nicht wesentlich mehr ausgeben dürfen als sie einnehmen. Doch die Vereine finden immer wieder Möglichkeiten, diese Regeln zu umgehen. Als Paris Saint-Germain die am Anfang erwähnten 222 Millionen Euro für Neymar ausgegeben hatte, konnte der Klub im selben Jahr wegen des Financial Fairplay nicht auch noch den ähnlich teuren Kylian Mbappé verpflichten. Also lieh er den Weltklasse-Stürmer zunächst für eine Saison aus. Das kostete 45 Millionen Euro, eine Art Anzahlung. Denn ein Jahr später bezahlte der Klub dann die Ablösesumme von 135 Millionen Euro. Das, was eigentlich verhindert werden sollte, war nun mit dem Trick der Leihe doch möglich geworden – und zwei der besten Spieler der Welt spielen seitdem in Paris.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lindenfeld, David
David Lindenfeld
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