Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum Vögel singen

Von Kai Spanke
26.03.2021
, 14:13
Musik liegt in der Luft: Wenn es Frühling wird, zeigen Amsel, Drossel, Fink und Star wieder, was stimmlich in ihnen steckt. Das ist jedoch kein Freizeitvergnügen, sondern mühsam erlernte Schwerstarbeit.

Wer durch die Stadt spaziert und ein lautes „Miau“ hört, schaut automatisch auf den Boden. Irgendwo muss die Katze ja stecken: in einer Einfahrt, unter einem Auto oder im Schatten eines Mauervorsprungs. Meistens ist sie schnell gefunden. Manchmal jedoch bleibt die Suche erfolglos, obwohl munter weitermiaut wird. In einem solchen Fall könnte es helfen, den Blick vom Boden zu lösen und in den Himmel zu gucken. Denn was ein verwöhntes Haustier draufhat, das beherrscht ein Mäusebussard mindestens genauso gut. Tatsächlich klingt der Greifvogel mit dem ernsten Gesichtsausdruck wie ein Kätzchen, das um Streicheleinheiten bettelt. Ziemlich beeindruckend, aber noch gar nichts im Vergleich zu seinen kleinen Mitstreitern. Während der Mäusebussard nur ruft, können Finken, Meisen, Drosseln und Lerchen richtig singen.

Das beweisen sie momentan jeden Tag, wenn sie sich zum Morgenkonzert zusammentun. Als echter Frühaufsteher legt der Hausrotschwanz mit seinem lustigen Knirschen ganze neunzig Minuten vor Sonnenaufgang los. Etwas später dreht auch der Vogel des Jahres 2021, das Rotkehlchen, kräftig auf. Kurz danach steigt die Amsel ein und macht ihrem Image als Meistersänger alle Ehre, indem sie die phänomenalsten Flötentöne in die Dunkelheit haucht. Anschließend sind Zilpzalp, Blau- und Kohlmeise einsatzbereit. Es folgen Grünfink und Stieglitz, die sich für Vogelverhältnisse ganz schön Zeit lassen, immerhin wird es in einer Viertelstunde hell. Der größte Spätzünder des Ensembles ist Herr Buchfink. Er trägt seine lebhaften und mit einem tollen Endschnörkel versehenen Strophen in der Morgenröte vor. So früh zu singen hat einige Vorteile: Da es noch kühl und dämmrig ist, würde sich die Nahrungssuche schwierig gestalten. Also spart man sich die Snacks auf und erledigt schon mal das musikalische Pflichtprogramm.

Was aber soll das Ganze? Warum nehmen Vögel die enorme Anstrengung auf sich, jeden Frühlingstag mit einem Lied zu begrüßen und womöglich bis zum Abend immer wieder zu zwitschern? Das Nachtigall-Männchen – ein grandioser Stimmakrobat, der mehr als hundert Strophen im Repertoire hat – gurgelt, trillert, schmettert und klagt sogar nachts. Allerdings nur so lange, bis er ein Weibchen gefunden hat. Damit hätten wir schon eine erste Erklärung für den Gesang: Er lockt potentielle Partnerinnen an. Außerdem dient er der Verteidigung des Brutterritoriums. Je begabter ein Vogel tschilpt und trällert, desto vehementer bewacht er sein Revier. Stefan Leitner, Spezialist für Vogelgesang am Max-Planck-Institut für Ornithologie, sagt: „Die Weibchen können auch singen. Gleichwohl handelt es sich um einen weniger komplexen Gesang, der dem Zusammenhalt des Paars dient. Manche Weibchen verteidigen zudem kleine Winterterritorien.“

Vögel tirilieren nicht beliebig drauflos, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Vielmehr befinden sie sich im Bann ihrer Hormone. Werden die Tage länger, steigt der Testosteron-Spiegel bei den Männchen – und damit der Drang, ein Ständchen zu bringen. Dessen Qualität lässt den Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit des Sängers erkennen. Allerdings gelten auf dem Land andere Maßstäbe als in der Stadt. Berliner oder Kölner Vögel müssen sich nämlich besonders laut zu Wort melden, weil sie gegen den Straßen- und Baustellenlärm antrillern. Dieter Thomas Tietze vom Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg sagt: „Es ist wie in der Diskothek. Will man dort verstanden werden, muss man sich anschreien, weil die Musik so laut ist. Meist redet man zwischen den Songs. So gehen auch die Vögel vor, wenn sie bewusst außerhalb der Rushhour singen.“

Metropolen machen ihren gefiederten Bewohnern noch auf andere Weise das Leben schwer. Ein kleiner Vogel produziert recht hohes Gezwitscher. Um den Weibchen zu zeigen, was für ein bärenstarker Typ er ist, versucht er, möglichst tief zu singen. Dumm nur, dass in der Stadt tiefe Frequenzen von Geräuschen wie Autolärm beherrscht werden. Deswegen muss der Vogel am Ende doch wieder höhere Töne anschlagen. Übrigens bevorzugen Amsel-Weibchen abwechslungsreiche Melodien, während etwa die Ladys unter den Feldlerchen darauf achten, wie ausdauernd die Männchen singen. Wer opernreif auf den Putz haut, hat gute Chancen, eine Gefährtin zu finden; wer mehr schlecht als recht vor sich hinkakophoniert, wird den Frühling alleine verbringen.

Vögel bilden Laute im sogenannten Stimmkopf. Dort befinden sich mehrere Membranen, die, in Schwingung gebracht, den Gesang erzeugen. Und der ist häufig so unverwechselbar, dass sich Arten, die sehr ähnlich aussehen, am besten anhand ihrer Stimme unterscheiden lassen. Ein Beispiel dafür sind Gartenbaumläufer und Waldbaumläufer. Der eine singt einigermaßen holprig und behält dieselbe Tonhöhe bei, der andere gibt eine abfallende Strophe mit einem kleinen Triller zum Besten. Dieter Thomas Tietze, der sich in seiner Doktorarbeit mit beiden Arten auseinandersetzte, mag auch deren Lieder. Seine Lieblingsmusiker sind sie aber nicht: „Was die Performance anbelangt, schwanke ich zwischen Star und Sumpfrohrsänger.“ Apropos Star: Dieser Alleskönner imitiert nicht nur den Sound anderer Vögel, sondern sogar Klingeltöne. „Die intelligentesten Singvögel integrieren zur Wertsteigerung fremde Laute in ihren Gesang“, sagt Dieter Thomas Tietze.

Woher weiß ein Vogel eigentlich, wie man singt? Er muss es pauken. Klingt einfach, ist aber etwas Besonderes, denn „vokales Lernen“ – so nennen das die Fachleute – ist im Tierreich nicht sehr verbreitet. Unter den Vögeln können das Stefan Leitner zufolge nur Papageien, Singvögel und Kolibris. Man muss sich das Ganze so vorstellen: Der Vogel schlüpft aus dem Ei, hockt im Nest, hört seinem Vater beim Singen zu, prägt sich die Melodie ganz genau ein und probiert sie im Alter von etwa einem Monat selbst aus. Als Anfänger kriegt er das natürlich noch nicht richtig hin, dafür übt und übt und übt er wie verrückt. Hört man im Spätsommer oder Herbst den verhaltenen Gesang einer Mönchsgrasmücke, dann ist sie wahrscheinlich im Frühling zur Welt gekommen.

Überhaupt sind Grasmücken erstklassige, aber wenig bekannte Sänger. In den kommenden Wochen kehren Klapper- und Dorngrasmücke aus ihren Überwinterungsgebieten in Afrika zurück; Anfang bis Mitte Mai trifft die Gartengrasmücke bei uns ein. Wer sich mit den Stimmen unserer Vögel noch nicht so gut auskennt, sollte nicht den Mut verlieren. Am besten lernt man zuerst die Gesänge der häufigsten Arten im zeitigen Frühjahr. Dann sind viele Zugvögel noch im Süden, so dass die Lage überschaubar bleibt. Später erschließt man sich langsam, aber sicher alle weiteren Lautäußerungen. Außerdem muss man gar nicht mit den Liedern starten. Rufe können genauso spannend sein. Und einen davon erkennen wir künftig ohne Mühe: Miau.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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