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Warum wir Neujahr im Winter feiern

Von Philip Schäfer
31.12.2021
, 13:44
In der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar wird das neue Jahr heute vielerorts mit einem Feuerwerk begrüßt.
In der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar wird das neue Jahr heute vielerorts mit einem Feuerwerk begrüßt. Bild: Imago
Warum feiern wir das Neujahrsfest ausgerechnet in einer kalten Nacht mitten im Winter? Die Erklärung führt zweitausend Jahre in die Vergangenheit – und nach Rom.
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Jetzt ist es wieder soweit, und wir wünschen uns ein „frohes neues Jahr“. In den letzten Wochen haben wir zurückgeblickt und uns erinnert an schöne und hoffentlich nur wenige nicht so schöne Momente. Wir haben gute Vorsätze gefasst, Pläne und Ideen für das kommende Jahr geschmiedet. Um null Uhr zwischen 31. Dezember und 1. Januar passiert es dann: Das alte Jahr endet, und das neue beginnt.

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Aber warum feiern wir Neujahr in dieser Nacht zwischen Dezember und Januar? Ein Neujahrsfest im Sommer wäre doch viel schöner. Da ist es nachts noch einigermaßen warm, und die Sonne geht nicht so früh unter. Das Schuljahr endet schließlich auch im Sommer, und alle fahren in den Urlaub. Warum also feiern wir Neujahr nicht in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August sondern mitten im Winter?

Bild: F.A.Z.

Um ein wenig Licht in diese Fragen zu bringen, reisen wir zurück in die Vergangenheit – und zwar zunächst ins Jahr 1582. Das ist das Geburtsjahr unseres heutigen Kalenders. Damals war Gregor XIII. Papst der römisch-katholischen Kirche und somit einer der mächtigsten Menschen der Welt. Gregor hatte auch viele Gelehrte an seinem Hof, und die grübelten lange schon an einem Problem: Die Jahre in ihrem Kalender waren nämlich zu lang. Was aber soll das bedeuten?

Seit der Antike orientiert sich das Kalenderjahr an unserer Sonne. Ein Jahr ist eben die Zeitspanne, die die Erde braucht, um die Sonne einmal zu umrunden – auch wenn damals viele Menschen noch dachten, dass sich umgekehrt die Sonne um die Erde dreht. Das eigentliche Problem am Sonnenjahr aber ist: Eine Sonnenumrundung der Erde dauert ziemlich exakt 365,2422 Tage.

Papst Gregor XIII. reformierte im Jahr 1582 den Kalender.
Papst Gregor XIII. reformierte im Jahr 1582 den Kalender. Bild: Picture Alliance

Da sich 0,2422 Tage nur schwer im Kalender unterbringen lassen, entschied man sich schon in der Antike für einen Schalttag, also einen zusätzlichen Tag im Kalender alle vier Jahre. Mit einem solchen Schalttag dauert ein Kalenderjahr dann aber im Durchschnitt 365,25 Tage. Das Kalenderjahr ist also im Verhältnis zum Sonnenjahr von 365,2422 Tagen etwas zu lange. Dieser kleine Unterschied von etwa 0,01 Tagen hatte zur Zeit Papst Gregors dazu geführt, dass sich der Jahresanfang im Verhältnis zur Sonne bereits um ganze zehn Tage verschoben hatte. Wäre es so weiter gegangen, hätten wir also tatsächlich Neujahr irgendwann im Sommer feiern können.

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Papst Gregor und seine Mathematiker haben das verhindert, indem sie sich folgendes ausdachten: Das Jahr 1582 wurde kurzerhand um zehn Tage gekürzt. Auf Donnerstag den 4. Oktober 1582 folgte direkt Freitag der 15. Oktober. Außerdem bestimmten sie, dass gewisse Jahre keinen Schalttag bekommen, in die nach der Vier-Jahres-Regel eigentlich ein Schalttag eingefügt werden müsste. Solange Papst Gregors Kalendersystem gültig ist, werden wir Neujahr also wohl immer im Winter feiern.

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Vom Mond- zum Sonnenkalender

Unsere Reise ins Jahr 1582 hat uns damit zwar klargemacht, warum das neue Jahr voraussichtlich auch weiterhin im Winter beginnen wird. Wir wissen aber immer noch nicht, warum Neujahr auch damals schon im Winter gefeiert wurde. Also müssen wir noch weiter in die Vergangenheit reisen und zwar in das Jahr, in dem ein Mann namens Gaius Iulius Caesar den Kalender eingeführt hat, den Gregor später reformierte. Das geschah 45 vor Christus, als eben jener Caesar Diktator der römischen Republik war und damit neben vielen anderen Dingen auch über den Kalender bestimmen konnte.

Auch Caesar hatte Gelehrte, und auch die hatten ein Problem mit dem damaligen Kalender bemerkt. Es war ein Problem, über das schon viele kluge Köpfe gerätselt hatten: Es gibt drei regelmäßige Ereignisse, die uns Menschen das Gefühl von Zeit vermitteln. Das sind der Wechsel von Tag und Nacht, das Ab- und Zunehmen des Mondes und das länger und kürzer Werden der Tage durch die Sonnenumrundung der Erde.

Der alte römische Kalender versuchte alle diese drei Ereignisse rechnerisch miteinander zu vereinen. Dummerweise funktioniert das mit dem Umlauf der Erde um die Sonne und den Phasen des ab- und zunehmenden Mondes aber nicht. Caesar entschied sich daher für einen radikalen Ansatz: Sein Kalender missachtete die Mondphasen und orientierte sich allein an der Sonne.

Gaius Iulius Caesar führte 45 v. Chr. als römischer Diktator den Sonnenkalender ein. Der „Iulianische Kalender“ ist mancherorts heute noch gültig.
Gaius Iulius Caesar führte 45 v. Chr. als römischer Diktator den Sonnenkalender ein. Der „Iulianische Kalender“ ist mancherorts heute noch gültig. Bild: picture-alliance / dpa

Die sogenannten zwölf Monate des römischen Kalenders, die sich bis dahin wirklich am ab- und zunehmenden Mond orientiert hatten, lösten sich nun von den tatsächlichen Mondphasen ab. Um das uns bereits bekannte Problem zu lösen, dass auch der Umlauf der Sonne und ganze Tage nicht exakt aufeinander passen, fügte Caesar dann noch alle vier Jahre den uns ebenfalls schon bekannten Schalttag ein und schuf so das etwas zu lange durchschnittliche Kalenderjahr von 365,25 Tagen.

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Die Römer verlegen ihr Neujahrsfest

Seinen Schalttag plazierte Caesar an eben der Stelle, an der er heute noch steht: Ende Februar. Da könnten wir uns nun fragen: Warum wurde der Schalttag denn quasi mitten im Jahr plaziert und nicht einfach am Jahresende im Dezember? Die unerwartete Antwort ist: Der letzte Februartag war für die Römer ein Jahresende. Das erkennen wir, wenn wir die römischen Monatsnamen betrachten, aus denen sich auch unsere heutigen Monatsnamen ableiten. Dezember kommt von lateinisch decem, was zehn bedeutet. Er ist also der zehnte Monat. November kommt von novem „neun“, octo ist die Acht, septem die Sieben. Wenn wir dementsprechend weiter zurückzählen, ist der erste Monat: der März.

Die Römer feierten lange am ersten März Neujahr, und das hängt mit dem Frühjahrsbeginn zusammen. Der März war der erste Monat, in dem es in Italien warm und trocken genug war, um mit den Soldaten auf einen Feldzug zu gehen. Daher ist der März, lateinisch Martius, auch dem römischen Kriegsgott Mars gewidmet. Dass Caesar seinen Schalttag Ende Februar einfügte, war für ihn also ziemlich logisch.

Die Römer gewöhnten sich aber daran, neben dem ersten März noch einen zweiten Jahresanfang zu feiern, und der war tatsächlich im Januar. Der Januar ist dem Gott Janus gewidmet. Janus war für Türen, Tore, Durchgänge, den Anfang neuer Zeitabschnitte, kurz: für Übergänge jeder Art zuständig. In bildlichen Darstellungen trägt er daher häufig zwei Gesichter: eines vorne und eines hinten.

Eine Münze aus dem dritten Jahrhundert vor Christus zeigt auf der Vorderseite den doppelköpfigen Janus, den Gott der Übergänge.
Eine Münze aus dem dritten Jahrhundert vor Christus zeigt auf der Vorderseite den doppelköpfigen Janus, den Gott der Übergänge. Bild: Picture Alliance

Am ersten Januar traten in Rom seit 153 vor Christus jedes Jahr die beiden Konsuln ihren Dienst an. Sie sollten die Stadt im nächsten Jahr regieren und nach ihnen wurde das ganze Jahr benannt. Zum ersten Januar beschenkten sich die Römer außerdem gegenseitig, zum Beispiel mit süßen Datteln oder Honigkuchen. Auch Geldgeschenke wurden gemacht. Süße Speisen und Geschenke galten als gute Vorzeichen für das kommende Jahr. Der erste Januar setzte sich dann im Laufe der Zeit gegen den Märztermin durch.

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Neujahr kann man auch im Herbst feiern

Damit sind wir beinahe bei der Lösung des Rätsels angekommen, warum wir im Winter Neujahr feiern. Offen bleibt die Frage, warum auch die Römer schon ausgerechnet mitten im Winter den Übergang in eine neue Zeit gekommen sahen.

Damit kommen wir zurück zu einem der drei bestimmenden Zeitprinzipien: dem länger und kürzer Werden der Tage. Der kürzeste Tag des Jahres ist im heutigen Kalender der 21. Dezember. Dieser Tag wird auch als Wintersonnenwende bezeichnet und in vielen Kulturen war und ist er ein besonderer Festtag. Denn nun werden die Tage wieder länger, das Licht kehrt zurück, es wird langsam wieder wärmer und heller.

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Im Zeitraum um die Wintersonnenwende feierten auch die Römer eine ganze Reihe von Festen wie die Saturnalia oder den Geburtstag des Sonnengottes Sol am 25. Dezember. Dass das christliche Weihnachtsfest am selben Tag stattfindet, ist wohl kein Zufall: mit der Geburt des Jesuskindes kommt in der Vorstellung der christlichen Religion das Licht (zurück) in die Welt.

Die Rückkehr des Sonnenlichts steht also für den Anbruch einer neuen Zeit. Für alle Erdbewohner, die südlich des Äquators leben wie zum Beispiel in Südamerika, sieht unser Neujahrsfest übrigens ganz anders aus. Denn hier sind um diese Jahreszeit die Tage am längsten, und es ist mitten im Sommer. Manche Menschen feiern das Neujahrsfest auch an einem ganz anderen Tag im Jahr. Im Judentum liegt der Jahresbeginn zum Beispiel im September oder Oktober. Wer sich also ein warmes und helles Neujahrsfest wünscht, muss nicht unbedingt den Kalender ändern. Er kann auch einfach nur verreisen.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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Quelle: F.A.Z.
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