Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Was mit der politischen Mitte passiert

Von Dietmar Dath
Aktualisiert am 27.11.2020
 - 12:20
Ob beim Umgang mit der Corona-Pandemie oder beim Thema Einwanderung: Überall werden die Positionen unversöhnlicher und die Extreme stärker. Die Mitte wird schwächer. Woher kommt das?

Es gibt Leute, denen sind Äußerlichkeiten sehr wichtig: wo sie selbst und andere Leute herkommen, wer welche Eltern hat, wer welche Art Mensch liebt, wer welche Rituale welcher Religion pflegt oder sich zu welcher politischen Meinung aus welcher Gruppe bekennt, also Dinge, die man oft nicht selbst macht, sondern übernimmt. Politische Meinungen werden nach „rechts“ und „links“ unterschieden, seit in Europa zu Zeiten, als die Leute noch von Königinnen und Königen regiert wurden, in Beratungshallen, wo man über Regierungsfragen redete, einige Leute links und andere rechts von der Königin oder vom König saßen.

Rechts fand man Leute vom Adel und von der Kirche. Der Adel bestand aus Familien, die viel Macht, Reichtum und besondere Rechte hatten. Das alles konnten sie ihren Kindern vererben. Natürlich wollten sie, dass es so bleibt. Die Kirchenleute wiederum waren damit einig, denn sie dachten, dass ihr Gott den Menschen das Schicksal zuteilt. Wo sie herkommen, sollte also darüber entscheiden, was ihnen zustand. Das hatten sie in Büchern gelesen, die Menschen geschrieben haben, und glaubten es, obwohl Gott selbst in politischen Beratungen bei König oder Königin nie vorbeikam.

Links von König oder Königin saßen Leute, die weniger Macht und Reichtum hatten als Adel und Kirche, aber auch ein bisschen, meistens als Geschäftsleute erworben. Sie fanden, dass nicht wichtig sei, wer eine Person nach den Maßstäben der Beschreibung von außen ist, sondern, was sie arbeitet und was sie zum Tauschen oder Verkaufen mitbringt. Arm waren damals weder die Linken noch die Rechten; die Armen hatten gar keine Plätze bei den Beratungen.

Nach einer Weile setzten die bürgerlichen Linken sich durch, Adel und Kirche verloren viel Macht und Besitz, wenn auch nicht alles. Beratungshallen gibt es immer noch, man sagt heute „Parlamente“ dazu. Da sitzen inzwischen erstens gewählte Regierungen mit weiteren Leuten aus ihren Parteien und zweitens Oppositionelle, die diese Regierungen kritisieren und die Umsetzung ihrer Beschlüsse bremsen können, wobei je nach dem Ergebnis regelmäßiger Wahlen wechseln kann, wer regiert und wer dagegensteht. Man unterscheidet die Gruppen im Parlament nicht mehr nach Herkunft, wohl aber oft immer noch nach „rechts“ und „links“, nur meint man damit heute einfach Meinungen, nicht Abstammungsangelegenheiten.

Rechte wollen das, was es schon gibt oder mal gab, am Leben erhalten oder wiederherstellen, Linke wollen alles ändern, bis es ihren Wünschen davon entspricht, wie sich das bestmögliche Leben für so viele Leute wie überhaupt denkbar erreichen lässt. In Reinform gibt es diese Positionen nicht immer, dazwischen steht die sogenannte Mitte, die manches ändern und anderes behalten will, sogar manches, das schon weg ist, zurückholen.

Für die allgemeine Stimmung wäre es sicher hübsch, wenn die Mitte groß wäre, denn sie lässt mit sich reden. Aber die Mitte muss man sich leisten können. Sie wird kleiner, wo die Verteilung der Chancen für Leute im Leben nicht gleichmäßig ist. Wer’s gut hat, will nichts ändern, wer’s sehr schlecht hat, will alles anders. Wenn aber zum Beispiel das Sparen nichts mehr bringt, weil es dafür keine Zinsen mehr gibt oder sogar Strafen, bei denen das Geld im Lauf der Zeit weniger wird, dann können Leute ihr Los nicht mehr verbessern, die nur kleine Beträge einnehmen, sie aber zusammenhalten.

Das geschieht derzeit gerade in den wirtschaftlich fortgeschrittensten Gegenden, und dazu bleiben dort seit einiger Zeit die Löhne von Leuten, die ihr Leben mit Arbeit verdienen statt über Einnahmen aus Besitz, bestenfalls gleich niedrig, teils sinken sie sogar, weil das, was man sich für das verdiente Geld kaufen kann, teurer wird. Der Hang zur Mitte lässt nach. Nach rechts gehen Leute, die sich vorstellen, ihre Lage würde, wenn man den Trend verlängert, in Zukunft noch schlechter werden, weshalb sie sich wünschen, dass man diese Linie umkehrt und zum Alten zurückkehrt. Sie wollen sich darauf verlassen, dass die Herkunft wieder entscheidet; sie wollen auch, dass ihre Gruppe – etwa die in Deutschland geborenen Leute mit ebensolchen Vorfahren, oder die Männer, oder die Christen, oder sonst irgendwas Schematisches – dabei die größeren Chancen zugeteilt kriegt.

In Deutschland führte so eine Bewegung vor 87 Jahren nach einem verlorenen Weltkrieg und einer Wirtschaftskrise zu einer grauenhaften Regierung, dem Mord an Millionen jüdischer Menschen und anderer Minderheiten und zu einem weiteren verlorenen Weltkrieg. Leute, die denken, die schlechte Gegenwart ließe sich durch eine Rückkehr zum Älteren überwinden, übersehen, dass die schlechte Gegenwart ein Ergebnis der Vergangenheit ist, dass also, wer zurückwill, einen Zustand anstrebt, aus dem früher oder später wieder das bekannte Schlechte, etwas ähnlich Schlechtes oder sogar Schlimmeres folgt.

Man sollte, wenn die Lage übel ist, nicht darüber streiten, ob man Altes wiederbeleben kann. Etwas Übles muss man eh ändern; es ist wohl klüger, man tut das mit der Bereitschaft, realistisch über Neues und Unbekanntes nachzudenken – denn das Bekannte hat das Übel gebracht.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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