Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Wem wir die Achterbahn zu verdanken haben

Von Anna-Lena Niemann
01.07.2022
, 17:41
Illustration einer Achterbahn
Illustration einer Achterbahn Bild: picture alliance / Zoonar
Vor hundertfünfzig Jahren wurde die Achterbahn zum Patent angemeldet. Aber rasante Fahrten gab es schon vorher, und auf die Idee, wie man einen Looping baut, der nicht wehtut, ist erst später jemand gekommen.
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Manchmal darf die Welt ruhig auf dem Kopf stehen. Zumindest für eine Sekunde. Dann dreht sie sich ja auch schon wieder weiter, sobald der kleine Wagen seinen Looping komplett durchsaust hat. Aber in diesem winzigen Moment hüpft das Herz, und im Bauch kribbelt es, als hätten wir einen Ameisenhaufen verschluckt. Das klingt vielleicht ein bisschen verrückt, zugegeben, aber deshalb ist es ja auch am besten, man probiert es einfach selbst aus: Achterbahnfahren.

Das Rauf und Runter, die Kurven und Kreisel können zwar gruselig aussehen, aber ein bisschen Angst zu haben, ist ganz normal. Angst gehört sogar dazu, sagen Forscher. Denn wenn wir uns so etwas getraut haben, belohnen wir uns danach mit vielen Glückshormonen. Wer sich die anderen Fahrgäste an der Achterbahn anschaut, kann das vielleicht sogar beobachten: Erst bibbern sie in der Warteschlange, aber wenn sie die rasante Fahrt hinter sich haben, lachen sie doch ziemlich vergnügt.

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Aber wem haben wir dieses große Vergnügen eigentlich zu verdanken? Historiker glauben, dass riesige Eisrutschen die Vorläufer waren. Die Bewohner von St. Petersburg in Russland haben sie schon vor mehr als dreihundert Jahren gebaut. Dazu zimmerten sie Rutschen aus Holz und übergossen sie im kalten Winter mit Wasser. Das gefror und schon gab es eine glatte Schlitterbahn zum Heruntersausen.

Bild: F.A.Z.

Als die Franzosen das sahen, wollten sie so einen Spaß auch bei sich zu Hause haben, aber am liebsten das ganze Jahr über. Also wurden aus den Eisrutschen Holzbahnen, auf denen kleine Wägelchen fuhren. Obwohl die Bahnen anders aussahen und in Paris standen, nannten die Franzosen sie „Montagnes Russes“ – russische Berge. Ein Berg, aber ein anderer, brachte auch ein paar Amerikaner auf eine ähnliche Idee. Dort bauten Arbeiter eine Bahn ihren Berg hinab, um Kohle in kleinen Waggons flott ins Tal zu bringen. Maultiere mussten die Wagen anschließend wieder hochziehen, nur standen die Tiere dann eben oben. Was also tun? Anstatt die Vierbeiner den Berg runterlaufen zu lassen, setzten die Kohlearbeiter sie einfach auch in einen Wagen – und ab ging die Fahrt! Was den mutigen Maultieren nichts auszumachen schien, wollten Menschen dann natürlich auch probieren. Viele sogar. Als die Kohlemine irgendwann schloss, blieb die vierzehn Kilometer lange Talfahrt geöffnet und wurde zu einem echten Besuchermagnet.

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Fast ein bisschen wie Schwerelosigkeit

Aber haben jetzt die St. Petersburger, die Franzosen oder die Kohlearbeiter die Achterbahn erfunden? Naja, eigentlich sie alle nicht, auch wenn sie dazu beitragen haben. Offiziell darf sich ein Amerikaner namens John G. Taylor als Erfinder feiern lassen. In diesem Jahr sogar zum 150. Mal. So lange ist es her, dass er mit seiner Idee einer Berg- und Talbahn zum Patentamt ging. Ein Patent sagt der ganzen Welt: Schaut her, was auf diesem Papier steht, das habe ich mir ausgedacht, das ist meine Idee. Auf dem Papier gab es 1872 damit die erste offizielle Achterbahn, nur ob sie auch gebaut wurde, das weiß man heute nicht mehr. Deshalb muss sich John G. Taylor seinen Ruhm mit einem Landsmann teilen. Der hieß LaMarcus A. Thompson. Er hat nicht nur 13 Jahre später auch ein Patent für eine rollende Achterbahn angemeldet, sondern hatte sie da auch schon fertiggebaut – und zwar im ersten Freizeitpark der Welt, auf Coney Island in New York.

Auch das war eine Art Berg- und Talbahn. Dieses Auf und Ab gehört bis heute fest zum Achterbahnfahren dazu. Sich mit Schwung erst in die Höhe schrauben und dann in die Tiefe stürzen – das macht etwas mit unserem Körper. Vereinfacht kann man das so erklären: Wenn wir über die Bergkuppe sausen, fühlt es sich für einen Moment so an, als würde der Waggon ohne uns zurück in die Tiefe fallen. Das geht natürlich nicht, weil uns ein Bügel festhält, aber es fühlt sich eben kurz so an. Wir fühlen uns so leicht, es ist fast ein bisschen wie Schwerelosigkeit. Wenn wir durch die Talsenke schießen, passiert das Gegenteil. Da fühlt es sich so an, als ob wir plötzlich viel schwerer sind, vielleicht so schwer wie ein Maultier, als ob uns unser Maultiergewicht ganz tief in den Sitz drückt. In der Physik nennt man das g-Kräfte.

Aua, aua: „Loop the Loop“ " auf Coney Island in New York, aufgenommen im Jahr 1903
Aua, aua: „Loop the Loop“ " auf Coney Island in New York, aufgenommen im Jahr 1903 Bild: picture alliance / Photo12/Ann Ronan Picture Library

Je mehr Abwechslung uns eine Achterbahn bietet, desto besser. Nur hoch, oder nur schnell, das ist gar nicht so wichtig. Aber die Auswahl ist ja auch groß genug. Mehr als 13.000 Achterbahnen soll es auf der Welt geben. So viele – das ist auch möglich, weil die Bahnen seit etwa sechzig Jahren aus Stahl bestehen können. Stahl hält mehr aus als Holz, also konnten sich die Ingenieure richtig austoben.

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Ganz früh gab es übrigens schon Loopings. Aber sie sahen anders aus als heute. Nämlich so wie die zwei O in Looping – kugelrund. Nur Spaß machten sie nicht so richtig. Ganz im Gegenteil. Ein Looping war früher richtig unangenehm und konnte sogar am Hals und im Rücken weh tun, alles wegen der O-Form. Also verschwanden sie wieder aus den Vergnügungsparks. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis ein junger Ingenieur aus Deutschland sich den Looping noch mal ganz genau anschaute und herausfand, wie man ihn so bauen kann, dass er sich aufregend und trotzdem angenehm durchfahren lässt. Werner Stengel heißt er und er ist ziemlich berühmt, weil wir ihm Hunderte Achterbahnen auf der ganzen Welt verdanken.

Außerdem war und ist er ein ziemliches Mathe-Ass. Er hat in den Sechzigern angefangen, Achterbahnfahrten genau zu berechnen: Hält der Körper das aus? Schleudert es die Fahrgäste zu sehr hin und her? Solche Dinge zum Beispiel. Und weil Werner Stengel so genau gerechnet hat, konnte er nicht nur Achterbahnen bauen, die sich vorher keiner zugetraut hat. Er fand auch heraus, dass ein Looping dann perfekt ist, wenn er nicht wie ein O aussieht, sondern wie ein Tropfen, unten spitz und oben rund. Und so hat er uns den modernen Looping geschenkt, in dem unsere Füße kurz den Himmel berühren können, ohne dass wir uns wehtun oder runterfallen.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Niemann, Anna-Lena
Anna-Lena Niemann
Redakteurin im Ressort „Technik und Motor“.
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