Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Was die Hitze mit uns macht

Von Joachim Müller-Jung
15.07.2022
, 09:11
Letzte Rettung kühles Nass: Auch Vögel müssen sich vor Überhitzung schützen – und gehen baden.
Letzte Rettung kühles Nass: Auch Vögel müssen sich vor Überhitzung schützen – und gehen baden. Bild: Picture-Alliance
Wenn es sehr heiß ist und lange bleibt, stellt das unseren Körper auf eine harte Probe. Für Hitzewellen sind wir nicht gebaut. Wir können sogar dicker werden davon.
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Mit Hitze kommt der Mensch eigentlich ganz gut klar, unser Körper kann einiges aushalten, dank Schweißdrüsen und einem reich verzweigten Netz an Blutadern, das Hitzestau verhindern hilft. Ein Hitzetag richtet nicht viel Schaden an. Gefährlich wird es erst, wenn aus der Hitze durchgehende Hitzetage und Hitzenächte werden, und wenn daraus am Ende sogar eine Hitzewelle wird, die Wochen lang andauert. Dann kann sich unser Körper irgendwann nicht mehr erholen. Erst kommt die Hitzeerschöpfung, schließlich der Hitzschlag.

Es ist aber nicht nur die Dauer der Hitze: Die Spitzenbelastung mit Temperaturen über 50 Grad stellt den ungeschützten Körper auf eine extreme Probe. Denn unser Körper versucht ständig und krampfhaft, eine optimale Innentemperatur von 37 bis 38 Grad zu halten. So funktionieren die Organe optimal. Wenn es über 40 Grad geht, bei hohem Fieber also, wird es kritisch.

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Todbringende Hitzewellen gab es immer mal wieder lange vor dem Klimawandel. Doch inzwischen hat sich die Zahl der Monate mit Hitzerekorden weltweit verfünffacht, in Teilen Europas oder Afrikas sogar schon verzehnfacht, seitdem der Mensch mit seinen Treibhausgasen die Erwärmung der Erde beschleunigt. Bei so einer Nachricht läuft es den Ärzten vor allem in Großstädten und Ballungszentren eiskalt den Rücken runter. Denn damit wächst auch rapide die Zahl der von Hitzschlag bedrohten Menschen.

Die aktuellen Temperaturen im Überblick

Klimaforscher haben ausgerechnet: Wenn es mit der Erderwärmung wie bisher weitergeht, dürfte die Anzahl der Temperaturrekorde in dreißig Jahren zwölfmal so hoch liegen wie ohne den Klimawandel. Ein Drittel aller Menschen lebt heute in Gegenden, die an mindestens zwanzig Tagen im Jahr gefährlicher Hitze ausgesetzt sind. Forscher aus Hawaii haben ausgerechnet: Im Jahr 2100 könnten schon 74 Prozent, also drei von vier Menschen, in solchen Weltregionen leben.

Bild: F.A.Z.

Immer mehr Menschen drohen also hautnah zu erleben, was zuletzt immer häufiger passierte: Hunderte, ja Tausende von Hitzetoten in einem Jahr – und praktisch in der Nachbarschaft. 2003 wurden bei Hitzewellen in Europa 70.000 Tote als Opfer der extremen Temperaturen draußen und drinnen registriert, im Jahr 2010 waren es 7000 in den Vereinigten Staaten und mindestens 10.000 Tote allein in Moskau. Wer sich also über heiße Temperaturen freut oder gar über hitzefrei, sollte die Kehrseite immer mitbedenken. Unser Körper, ja die Physik, ist da extrem gefordert. Oft gefährlich überfordert.

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Mehr extreme Temperaturen bringen aber nicht nur den Menschen, sondern auch die Tiere, Pflanzen und schließlich sogar die Maschinen an ihre Grenzen. Flugzeuge etwa. Wenn Luft aufheizt, dehnt sie sich aus, die Dichte der Luft nimmt ab. Das bringt Flugzeuge beim Abbremsen ans Limit, entweder die Rollfelder müssen verlängert oder das Gewicht der beladenen Flieger verringert werden. Tatsächlich mussten schon zahlreiche Flüge umgeleitet oder an extremen Tagen deswegen gestrichen werden.

Die Luft ist in der Hitze anders beschaffen. Unser Körper hat vor allem dann mit der extremen Hitze zu kämpfen, wenn sie mit hoher Leuchtfeuchtigkeit gepaart ist. Dann „fühlt“ sich Hitze noch brutaler an. Der Körper kann dann noch schlechter die Temperatur durch Schwitzen regulieren. Wir sind der Hitze praktisch ausgeliefert, auch wenn die innere Klimaanlage mit erhöhter Blutzirkulation und Schweißabsonderung auf Hochtouren läuft.

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Der Schweiß trocknet nicht auf der Haut und kühlt deshalb auch nicht. Steigt die Körpertemperatur längere Zeit auf über 39 Grad, schaltet das Gehirn auf Müdigkeit, die Muskeln erlahmen, die Blutversorgung auch in die Haut wird weniger, der Körper schwitzt nicht mehr und fühlt sich außen plötzlich kalt an. Innen heizt er immer mehr auf. Bis das Gehirn überhitzt, das Denken langsamer wird, Verwirrung einsetzt, der Schwindel kommt – bis eben zur Ohnmacht. Das ist der Hitzeschock. Bei Körpertemperaturen deutlich über 40 Grad fallen die Zellen und ihre Bausteine, die Proteine, auseinander, die lebenswichtigen Organe versagen irgendwann.

Hitzefolgen für das Fettgewebe

Kritisch ist auch, wie die Forschung immer klarer gezeigt hat, wenn der Körper keine Erholung bekommt – wenn die Hitzewelle auch die Nachttemperaturen hochtreibt und oben lässt. Vor allem ältere, geschwächte Menschen sind der Überhitzung oft wehrlos ausgeliefert. Deshalb sind den großen Hitzewellen der jüngeren Vergangenheit vor allem alte, kranke Menschen in Großstädten und in Häusern ohne Klimaanlagen zum Opfer gefallen. Doch selbst die anderen, die das besser wegstecken, müssen mit Folgen rechnen.

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Die Mediziner haben längst eindeutige Statistiken, die zeigen, wie die Hitzewellen die Zahl der Zuckerkranken hochtreiben. In der Hitze nämlich funktioniert unser braunes – das „gute“ – Fettgewebe nicht mehr richtig, das überflüssige Energie aus dem Essen verbrennt und in Wärme umwandelt. Die Folge: Die Leute legen die Energie als Depotfett ab, werden dicker und bekommen irgendwann – eher früher als später – Diabetes, die Zuckerkrankheit. Bei der gegenwärtigen globalen Erwärmung könnte das bedeuten: weltweit mindestens 600.000 mehr Zuckerkranke bis zum Jahr 2040. Genau diese Leute aber sind bei extremer Hitze zusätzlich gefährdet. Sie erleiden früher als Nicht-Diabetiker einen Herzinfarkt. Und das betrifft nicht etwa die ganz alten Menschen, sondern schon die Jüngeren, wenn sie nur früh genug zuckerkrank werden. Deshalb gilt: Bewegung und gute Durchblutung übers ganze Jahr, das ist sicher der beste Schutz vor den Hitzefolgen. Und lässt uns auch dann weiter klar denken, wenn die heiße Luft vor den Augen nicht mehr aufhört zu flimmern.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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